Haldenkosmetik

K+S-Rückstandshalde Hattorf

Der Kalihersteller K+S führt Sanierungsarbeiten in der Nähe der Rückstandshalde Philippsthal durch, wo im Glaamer Grund in den Untergrund versickerte Abwässer der Halde an der Quelle 12 wieder zu Tage treten. Da das grundsätzliche Übel nicht beseitigt wird, soll wohl nur die Sichtbarkeit des Zutagetretens beseitigt werden: Haldenkosmetik.

HNA vom 11.04.2022: https://www.hna.de/lokales/rotenburg-bebra/kahlschlag-im-glaamer-grund-zwei-dutzend-baeume-fallen-an-der-landesgrenze-fuer-den-umweltschutz-91470755.html

HNA vom 19.11.2022: https://www.hna.de/lokales/rotenburg-bebra/auffangen-reinigen-und-in-den-breizbach-91924923.html

So gelangen Haldenabwässer in den Untergrund

Die versickerten Haldenabwässer beweisen, dass das Unternehmen keineswegs die an den Halden entstehenden Abwässer vollständig auffängt. Das trifft schon nicht zu für die Abwässer, die an der Oberfläche entstehen und angeblich am Haldenfuß gefasst und abgeleitet werden. Das ZDF hat im Herbst bei Filmaufnahmen für eine Dokumentation festgehalten, dass fast die gesamten Abwässer einer Haldenseite in den Untergrund gelangen, weil die Fußabdeckung zerstört war. Als die Aufnahmen im Januar 2010 fortgesetzt wurden, war der Schaden immer noch nicht beseitigt. Das geschah erst, nachdem der Beitrag im Februar gesendet worden war. Um so größer war die Eile des Unternehmens, eine weitere Ausstrahlung der Dokumentation zu unterbinden. So verhindert man die Information der Öffentlichkeit, aber nicht die Versalzung des Untergrunds. Auch hier: Haldenkosmetik.

Die Haldenlaugen transportieren Industriechemikalien und Schwermetalle in das Grundwasser: das sollten Gerichte nicht wissen

Problematisch an den abgestoßenen Haldenabwässern ist aber nicht nur ihr Gehalt an Industriesalzen und Schwermetallen. Die Rückstandshalden enthalten auch diejenigen Chemikalien, die in den ESTA-Anlagen in bedeutender Menge verwendet werden. Im Jahre 2007 waren es mehr als 40 Tonnen/Jahr. Da inzwischen eine weitere ESTA-Anlage gebaut worden ist, müssen wir davon ausgehen, dass inzwischen mehr als 80 Tonnen Aufbereitungshilfstoffe pro Jahr verwendet und an die Umwelt abgestoßen werden

Die Liste dieser Stoffe möchte K+S gerne geheim halten. Das Unternehmen hat den Behörden sogar aufgegeben, welche dieser Chemikalien den Gerichten in anhängigen Gerichtsverfahren nicht zur Kenntnis gegeben werden sollen – sie sind offenbar zu kritisch zu bewerten, sollten sie in die Gewässer gelangen. Genau das ist aber bei den Entsorgungspraktikern der K+S AG regelmäßig der Fall. (Schreiben der K+S Kali GmbH vom 31.01.2007).

Wir wissen aber, dass es sich dabei um Mineralölprodukte und hochpolare Substanzen wie Carbonsäuren und ihre Ester, Halogen-Carbonsäuren und Halogenphenole handelt. Auf der Haldenoberfläche können sich durch Sonneneinstrahlung hochreaktive Sauerstoff- Chlor- und Bromradikale bilden, die ihrerseits mit den eingesetzten Cemikalien reagieren und neue Substanzen bilden können. Die K+S AG geht davon aus, dass diese Stoffe nicht giftiger sind, als die Ausgangsstoffe. Untersuchungen sind allerdings nicht durchgeführt worden und die Faktenlage widerspricht den Einlassungen des Unternehmens. Zumindest bromorganische Verbindungen sind als „Endokrine Disruptoren“ bekannt. Wegen ihrer östrogenen Wirkung könnten sie mit verantwortlich sein für die Auslöschung der Süßwasserbiozönose in der Werra.

Umwelthormone: https://www.umweltbundesamt.de/themen/gesundheit/umwelteinfluesse-auf-den-menschen/chemische-stoffe/umwelthormone#textpart-1

For example, tribromophenol is a potent competitor of the thyroid hormone, has weak estrogenic activity and causes an induction of aromatase activity. This chemical was grouped into T-activity.“ https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0160412019314576?via%3Dihub

bromorganische Verbindungen als Umwelthormone: https://www.who.int/ipcs/publications/en/ch6.pdf, Ss. 89-91, 100, 102+103

Der Untergrund ist durchtränkt mit K+S-Abwässern

Salzlaugen entstehen aber nicht nur an der Haldenoberläche. Durch Spalten im Haldenkörper kann Regenwasser die Halden aushöhlen. Die Halden können instabil werden und an den Flanken abrutschen. Damit wird auch die Aussicht auf eine stabile und wirksame Haldenabdeckung illusorisch.

Flankenabrutschung an der Halde Neuhof-Ellers

Die Abwässer aus dem Haldeninneren gelangen direkt in den Untergrund, weil die Halden höchstens zur Hälfte an der Basis abgedeckt sind. An allen K+S-Halden im Werra-Fuldarevier sind deshalb Salzaustritte aus dem Untergrund beobachtet worden.

Nur durch eine Anordnung des Thüringer Landesverwaltungsamts wurde bekannt, dass im Grundwasser am Fuß der K+S-Rückstandshalde Hattorf deutlich über den Grenzwerten der Trinkwasserverordnung liegende Konzentrationen an Schwermetallen gemessen worden sind,

darunter Zink, Cadmium, Blei, Kupfer und Nickel. Der Geringfügigkeitsschwellenwert wurde dabei zum Teil um das Tausendfache überschritten“

HNA 25.09.2016, http://www.hna.de/lokales/rotenburg-bebra/giftige-schwermetall-konzentrationen-philippsthal-6782573.html

Die Entnahme von Grund- und Oberflächenwasser im Einflussbereich der K+S-Rückstandshalde wurde deshalb in Thüringen untersagt (Allgemeinverfügung Nr. 181 des Thüringer Landesverwaltungsamts zur Einschränkung der Nutzung von Grundwasser in der Gemeinde Unterbreizbach, Wartburgkreis vom 22. Juli 2016).

Wie erklären sich nun die hohen Schwermetallgehalte des Grundwassers? Die K+S-Rückstandssalze enthalten zwar ebenfalls Schwermetalle (0,02 bis 0,05 mg /Liter Haldensickerwasser nach Angaben des damaligen Leiters F+E der K+S AG anlässlich einer Sitzung des „Runden Tisches“ am 24.06.2008), sie können aber nur einen Beitrag zu den gemessenen Konzentrationen leisten. K+S erklärt das so:

„Peter Huttel, bei K+S für diese Thema zuständig, erläuterte bei einer Bürgerversammlung Ende August in Unterbreizbach, dass die Schwermetalle nur vereinzelt von der Hattorfer Abraumhalde selbst stammen würden. Vielmehr würden offenbar Sickerwässer von der Halde teilweise in den lehm- und tonhaltigen Boden eindringen. Dort würden sie die Metalle – Blei, Kupfer, Cadmium und Nickel — auswaschen, über Quellen treten sie dann zutage. (…) Wie lange ist die Schwermetallbelastung tatsächlich schon bekannt? Während Huttel bei der Veranstaltung in Unterbreizbach laut „Südthüringer Zeitung“ von wenigen Monaten sprach, sagte Bürgermeister Roland Ernst, dass man wisse, dass die Schwermetalle bereits über Jahre auf Wiesen und Äcker ausgetreten seien. Auch Göbel (Pressesprecher der K+S AG, Einfügung des Autors) räumte in einem Beitrag des Hessischen Rundfunks ein, dass das Problem schon seit 2011 bekannt sei.

Thüringer Allgemeine vom 28.09.2016, http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Schwermetalle-belasten-Grundwasser-am-Fuss-der-Kali-Abraumhalde-1465933440

PM der WWA vom 26.09.2016, „Verschweigen verschärft die Probleme“, http://bit.ly/3OkvNJH

W.Hölzel/WWA, „Unvollständig, unbefriedigend und irreführend – Die Einlassungen des Regierungspräsidiums Kassel zu der Schwermetallbelastung des Grundwassers durch Haldenlaugen der K+S Kali GmbH“, 10.10.2016, http://bit.ly/3v3T6jC