Nach uns die Sintflut – Die EU-Wasserrahmenrichtlinie wird unterlaufen

Nachhaltigkeit im Kalibergbau als Frage der Generationengerechtigkeit, Teil IV

Symbolbild

von Walter Hölzel

Wir haben in den letzten Blogposts gesehen, wie im Lachsfluss Werra die Süßwasser-Lebensgemeinschaft ausgelöscht wurde und wie aus dem Fluss der Abwasserkanal der Kali-Industrie geworden ist. Jetzt soll es darum gehen, wie man erreichen könnte, dass sich dieser Zustand nicht verändert. Das Ziel wäre: der Kali-Industrie nicht zuzumuten, die Vorgaben der EU-Richtlinie erfüllen zu müssen.

Im Jahre 2000 ist die Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union (EU-WRRL) inkraft getreten. Sie verlangt, dass die Qualität der Gewässer in den Mitgliedsstaaten verbessert und bis zum Jahre 2015 wieder in einen „guten ökologischen und chemischen Zustand“ versetzt werden sollen. Als Auffangtermine gelten Fristen bis 2021 bzw. 2027. Die EU-WRRL gilt (selbstverständlich) auch für die Werra. Für Vertreter der K+S AG schien dieses Verbesserungsgebot der EU-WRRL jedoch keine Rolle zu spielen:

„Dr. Martin Eichholtz: Es steht nirgendwo in dieser Richtlinie, dass ab 2015 kein Salz mehr in die Werra eingeleitet werden darf. Sie verpflichtet vielmehr alle europäischen Staaten festzulegen, wie die Gewässer genutzt werden sollen. Es geht dabei nicht nur um Naturschutz, sondern auch um die Erhaltung von Verkehrswegen, Hochwasserschutz, Energiegewinnung oder industrielle Nutzung. Somit ist es erklärtes Ziel, einen fairen Ausgleich zwischen Umwelt, wirtschaftlichen Interessen und
Arbeitsplätzen zu schaffen.“
(1)

Wenn wir uns die tatsächliche Situation der Werra und die im „Vierphasenplan“ festgelegte Zukunft des Flusses ansehen, dann wissen wir, was K+S unter einem „fairen Ausgleich“ versteht. Das Unternehmen musste bisher nicht in moderne Aufbereitungstechnik investieren, stattdessen ist ihm erlaubt worden ist, seine Abwässer in Bergwerken zu verklappen. Am schlechten ökologischen Zustand der Werra ändert sich trotzdem nichts. Das liegt daran, dass K+S zwar die Produktionsabwässer, aber nicht seine Haldenlaugen aus der Umwelt nehmen will. Der „Vierphasenplan“ der hessischen Umweltministerin Priska Hinz (B’90/Die Grünen) soll dies für die Dauer des Kaliabbaus ermöglichen. Bis dahin wird sich der Anfall an Haldenlaugen auf ca. 4 Mio. Kubikmeter/Jahr verdoppeln.

Das Verschlechterungsverbot der EU-WRRL

Ziel der EU-Wasserrichtlinie ist es, die Gewässer der Mitgliedsstaaten innerhalb einer gesetzten Frist (nämlich bis 2015/2021/2027) qualitativ zu verbessern. Das ist das Verbesserungsgebot. Um die Zielerreichung beurteilen zu können, definiert die Richtlinie verschiedene Qualitätsstufen für Gewässer. Für ökologische Qualität der Oberflächengewässer gibt es fünf Stufen, von 1 = „sehr gut“ bis 5 = „schlecht“. Für das Grundwasser sind zwei Qualitätsstufen definiert, 1 = „gut“ und 2 = „schlecht“.

Die ökologische Zielqualität der Richtlinie ist die Stufe 2 = „gut“; sie unterscheidet sich nur geringfügig vom Naturzustand. Die Qualität von Werra und Weser sowie des Grundwassers im Einflussbereich der Kaliabwässer ist bisher in die schlechteste Stufe 5 bzw. 2 = „schlecht“ eingeteilt.

Wesentliche Merkmale der EU-Wasserrahmenrichtlinie sind das „Verbesserungsgebot“ und das „Verschlechterungsverbot“. Die Wasserrahmenrichtlinie lässt unter bestimmten, eng gefassten Umständen zu, dass der „gute ökologische und chemische Zustand“ als Qualitätsziel der Gewässer nicht erreicht werden muss. Das trifft dann zu, wenn ein Gewässer so weit degradiert ist, dass sich der Zustand nicht mehr verbessern lässt. Demgegenüber ist eine Verschlechterung des Zustandes grundsätzlich nicht erlaubt (Verschlechterungsverbot).

Das Urteil des EuGH

Der Europäische Gerichtshof hat in einem Urteil vom Juli 2015 definiert, wann man von einer „Verbesserung“ oder „Verschlechterung“ eines Gewässers sprechen kann (2). Der EuGH hat auch festgelegt, wie verfahren werden soll, wenn ein Gewässer bereits in die schlechteste Qualitätsstufe eingeordnet werden muss:

„Nach alledem ist auf die zweite und die dritte Vorlagefrage zu antworten, dass der Begriff der Verschlechterung des Zustands eines Oberflächenwasserkörpers in Art. 4 Abs. 1 Buchst. a Ziff. i der Richtlinie 2000/60 dahin auszulegen ist, dass eine Verschlechterung vorliegt, sobald sich der Zustand mindestens einer Qualitätskomponente im Sinne des Anhangs V der Richtlinie um eine Klasse verschlechtert, auch wenn diese Verschlechterung nicht zu einer Verschlechterung der Einstufung des Oberflächenwasserkörpers insgesamt führt. Ist jedoch die betreffende Qualitätskomponente im Sinne von Anhang V bereits in der niedrigsten Klasse eingeordnet, stellt jede Verschlechterung dieser Komponente eine „Verschlechterung des Zustands“ eines Oberflächenwasserkörpers im Sinne von Art. 4 Abs. 1 Buchst. a Ziff. i dar. (3) (Hervorhebung durch den Autor)

Die genannten Voraussetzungen für die Anwendung des Verschlechterungsverbots sind in der Werra, aber auch im Grundwasser des Werrareviers und im Uferfiltrat von Werra und Weser gegeben: diese Gewässer sind in die schlechsteste Qualitätsstufe eingeordnet. Damit verstoßen die von der K+S AG betriebene Laugenverpressung, das Versickernlassen von Haldenlaugen und die Einleitung von salzhaltigen Abwässern in die Werra gegen das Verschlechterungsverbot und sind somit rechtswidrig. Die zuständigen Behörden und die hessische Landesregierung ignorieren jedoch das Urteil des EuGH.

Trotz des Verschlechterungsverbots – Der Grenzwert für die Wasserhärte im salzbelasteten Teil der Werra wird 2003 fast verdoppelt

Die Öffentlichkeit nimmt gelegentlich staunend zur Kenntnis, dass in der Werra immer noch Grenzwerte für Schadstoffe gelten, die 1942 als Kriegs- und Notgrenzwerte festgelegt worden sind und die ausdrücklich nach dem Krieg wieder geändert werden sollten.

Mit dem Notgrenzwert von 1942 ist die skandalöse Situation der Werra aber nur unzureichend beschrieben. 2003 wurde nämlich auf Antrag des Kaliherstellers der Grenzwert für die Wasserhärte von 55 Grad dH auf 90 Grad dH nahezu verdoppelt. Die Wasserhärte ist in diesem Falle durch die Konzentration an Magnesiumionen bedingt.

Der hohe Magnesiumgehalt und das unnatürliche Mengenverhältnis von Magnesium- zu Calciumionen ist in viel stärkerem Maß für die schlechte biologische Situation der Werra verantwortlich als die Konzentration von Chlorid oder Natrium. Auch deshalb konnte sich die die ökologische Qualität im salzbelasteten Teil des Flusses trotz der Verringerung der Salzeinleitung nicht verbessern.

2015 haben deutsche Behörden de facto die Genehmigung erteilt, fortgesetzt gegen das Verschlechterungsverbot zu verstoßen

Auch nach dem Urteil des EuGH sind die für die beschriebenen rechtswidrigen Entsorgungswege erforderlichen Erlaubnisse weiterhin erteilt worden. Die Laugenverpressung ist erneut und diesmal bis 2021 genehmigt worden. Die Einleitung von Salzabwässern in die Werra ist weiterhin gestattet und auch das Versickernlassen von Haldenlaugen ist nicht unterbunden. Der K+S AG ist lediglich die Möglichkeit zugestanden worden, Abwässer in aufgelassene Bergwerke in hessischen und thüringischen Abschnitten des Bergwerks einzustapeln. Ab 2022 will das Unternehmen keine Produktionsabwässer mehr in die Werra leiten. Das gilt aber nicht für die Haldenlaugen, deren Menge von jetzt 2 Mio. cbm/Jahr auf mehr als 4 Mio. cbm/Jahr anwachsen soll. Sie werden weiterhin in die Werra verklappt und sie verhindern, dass sich der schlechte Zustand von Werra und Weser verbessern kann.

Endnoten

(1) K+S AG, Infoblatt Salzwasserentsorgung 1-2008, ohne Autorenangabe, https://ia601403.us.archive.org/0/items/infoblattsalzwasserentsorgung012008/Infoblatt_salzwasserentsorgung01_2008.pdf

(2) Urteil des EuGH vom 01.07.2015 in der Rechtssache C-461/13, https://ia601506.us.archive.org/29/items/curiadokumente/CURIA%20-%20Dokumente.htm

(3) Urteil in der Rechtssache C-461/13, hier: Rn 70

Aktuell: Priska Hinz kommt in die Bäche

Fünf Jahre nach Ablauf der Umsetzungsphase der EU-Wasserrahmenrichtlinie will Hessen nun „zahlreiche Gewässer aus ihrem Betonbett befreien“

So umreisst die hessische Umweltministerin das Ziel des Programms „100 wilde Bäche“. Es entstünden damit „bald wieder naturnahe Lebensräume für viele verschiedene Arten im Wasser und am Ufer“ (1).

Auffallend ist, dass die Ministerin sich bei der Beschreibung der angestrebten Ziele nicht auf die definierten und überprüfbaren Kategorien der EU-Wasserrahmenrichtlinie (z.B. „guter chemischer und ökologischer Zustand“) bezieht, sondern undefiniert und nebulös bleibt. Undefinierte „naturnahe Lebensräume“ reichen nicht aus, um die Qualitätsziele der Richtlinie zu erreichen. Darauf käme es aber an.

Damit ist die Ministerin ebenso unverbindlich wie bei der „Süßwasserqualität“, die sie angeblich in der Werra erreichen will (2). Tatsächlich soll der Fluss weit über das Jahr 2075 als Abwasserinne der Kali-Industrie dienen, die Qualitätsziele der EU-Wasserrahmenrichtlinie sollen nicht erreicht werden.

Das lässt nichts Gutes ahnen für die ausgesuchten „100 wilden Bäche“.

Die Linke im Hessichen Landtag weist in einer Presseerklärung darauf hin, dass „nach 19 Jahren Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie (…) nur knapp 15% der Gewässer in Hessen den guten oder sehr guten ökologischen Zustand“ erreicht haben.

Das würde bedeuten, dass In 85% der hessischen Gewässer die Richtlinie weder frist- noch zielgerecht umgesetzt worden ist. (3).

Fußnoten

(1) https://www.hessen.de/presse/pressemitteilung/grosses-interesse-am-programm-100-wilde-baeche-0

(2) W.Hölzel/WWA, Die Werra trägt Schwarz – Die hessische Umweltministerin lobt sich selbst und ignoriert die Umweltkatastrophe an Werra und Weser, 18.11.2019, https://salzblog.org/2019/11/18/die-hessische-umweltministerin-lobt-sich-selbst-und-vergisst-die-werra/

(3) https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/365/dokumente/steckbrief_flussgebietseinheit_weser.pdf

Nach uns die Sintflut. Hinhaltende Maßnahmen – Der „Runde Tisch“ und Co.

Nachhaltigkeit im Kalibergbau als Frage der Generationengerechtigkeit, Teil III

von Walter Hölzel

Hinhalten und täuschen

In diesem Zusammenhang können wir leider nicht verschweigen, dass im Umsetzungsprozess der EU-Wasserrahmenrichtlinie die gebotene Verbesserung der Gewässerqualität durch hinhaltende und täuschende Maßnahmen und Manöver ersetzt worden ist. Damit wir uns nicht missverstehen: wir wollen der K+S AG nicht pauschal unterstellen, die Öffentlichkeit über Jahrzehnte getäuscht und hingehalten zu haben. Das Unternehmen hat sich sogar gegen einzelne dieser Manöver (z.B. die Fiktion einer „Nordseepipeline“) gewehrt.

Aber letzten Endes scheinen die drei verantwortlichen Akteure mit dem vorläufigen Ergebnis zufrieden zu sein: das Unternehmen K+S als Nutznießerin, der Regierungspräsident Kassel als Genehmigungsbehörde und das Hessische Umweltministerium, das die politische Verantwortung dafür trägt, dass eine bessere Qualität von Werra und Weser Sinne der EU-WRRL auch in weiter Zukunft nicht nicht ermöglicht werden soll.

Wir können aber auch nicht darüber hinwegsehen, dass K+S die Tatsachen und Probleme nicht selten geleugnet hat:

„Dr. Martin Eichholtz: Tatsache ist, dass die Werra spürbar gesünder geworden ist. Großen Anteil daran haben unsere aufwändigen Maßnahmen, die Salzeinleitungen zu verringern: Während zu DDR-Zeiten bis zu 40.000 mg/l Chlorid am Pegel Gerstungen gemessen wurden, gelingt es uns seit dem Jahr 2000, den Grenzwert von 2.500 mg/l
einzuhalten. Deshalb ist die Werra heute wieder Lebensraum für zahlreiche Fisch- und Vogelarten sowie für ein breites Spektrum an Kleinlebewesen. Dieser Erholungsprozess setzt sich weiter fort.“
(1)

Diese Aussagen sind inzwischen umfänglich widerlegt. Die Werra ist nicht „spürbar gesünder geworden“, vielmehr ist die Süßwasser-Lebensgemeinschaft im Fluss vernichtet. Die Werra ist nach wie vor in chemischer und ökologischer Hinsicht in den schlechtesten Zustand eingestuft, den die EU-WRRL definiert. Die Aussagen demonstrieren aber, mit welchem Ausmaß an Desinformation wir uns auseinandersetzen mussten. Darüber wollen wir jetzt reden.

Der „Sogenannte Runde Tisch“ – Die vorgetäuschte Lösung der falschen Probleme

Im März 2007 hatte die erste Anrainerkonferenz zur Versalzung von Werra und Weser durch die Abwässer der Kali-Industrie in Witzenhausen stattgefunden. Der Erfolg der Veranstaltung ließ befürchten, dass eine Reihe von weiteren Konferenzen alle Aspekte des Themas mit wissenschaftlicher Expertise behandeln könnten. Schon im Sommer 2007 haben die Bundesländer Hessen und Thüringen gemeinsam mit K+S einen „Runden Tisch“ eingerichtet, um „die Diskussion über die Verbesserung der Gewässerqualität von Werra und Weser und die Perspektiven nachhaltigen wirtschaftlichen Handelns in der Region auf eine konsolidierte sachliche Grundlage zu stellen, Vertrauen und Akzeptanz zu schaffen und tragfähige Lösungsvorschläge zu entwickeln.“ (2)

Die Bezeichnung „Runder Tisch“ will vermitteln, dass alle Beteiligten gleichberechtigt ein Thema verhandeln. Nach unserer Kenntnis ist kaum ein „Runder Tisch“ jemals diesem Kriterium weniger gerecht geworden als der „RT Gewässerschutz Werra/Weser und Kaliproduktion“ unter der Leitung des ehemaligen Kasseler Hochschullehrers Prof. Brinckmann, denn:

  • Alle Beteiligten und Gutachter dieses Gremiums wurden von den Landesregierungen und der K+S AG ausgesucht, alle Gutachter, der Vorsitzende und die „wissenschaftliche Begleitung“ von der K+S AG bezahlt.
  • Für die Anrainergemeinden von Werra und Weser sowie die dort tätigen Bürgerinitiativen waren zwar „Vertreter“ am Runden Tisch, aber niemand hat die Gemeinden und die Bürgerinitiativen jemals gefragt, von wem sie vertreten sein wollten.
  • Viele der externen Gutachter hatten langjährige Geschäftsbeziehungen mit der K+S AG, manche seit Jahrzehnten, und sie waren in derselben Angelegenheit sowohl für K+S, als auch für die zuständige Genehmigungsbehörde tätig (3). Wegen der Besonderheiten des Gutachter-Marktes kann gelegentlich sogar von einer vollständigen wirtschaftlichen Abhängigkeit ausgegangen werden.

Es gab nur eine (ungewollte) Ausnahme: den Bürgermeister der Gemeinde Gerstungen in Thüringen, Werner Hartung. Seine Gemeinde ist von der Versalzung des Trinkwassers durch versenkte Salzabwässer der Kali-Industrie betroffen, aber seine Teilnahme am Runden Tisch war zunächst nicht vorgesehen. Das ließ sich sich bei seinen Kollegen in Thüringen jedoch nicht durchsetzen und er musste nachträglich in das Gremium berufen werden. Das war der Anlass, den Runden Tisch noch einmal unzugestalten, als wollte man jede ungewollte Meinungsbildung zu verhindern. Bürgermeister Hartung ist noch vor Abschluss der Beratungen unter Protest wieder ausgetreten, weil er keine Chance gesehen hat, die Interessen der Anrainerkommunen am Runden Tisch einzubringen.

Dieser Runde Tisch hat bei uns schon frühzeitig den Eindruck erweckt, ausschließlich den Interessen der Kali-Industrie verpflichtet zu sein. Er wurde 2010 aufgelöst, ohne „Vertrauen und Akzeptanz zu schaffen und tragfähige Lösungsvorschläge zu entwickeln.“ Aber er hat die öffentliche Diskussion über die Entsorgungspraktiken der K+S AG über mehrere Jahre beschäftigt und gelenkt und er hat damit die K+S AG in diesem Zeitraum aus der Kritik genommen. Er hat dem Unternehmen ermöglicht, seinen Salzabstoß nicht verringern zu müssen. In dieser Hinsicht war er erfolgreich.

Das „360-Mio. Euro Maßnahmenpaket zum Gewässerschutz“ – der Abstoß von Salzabfällen wird nicht vermindert, sondern verlagert

Die K+S AG hat nicht abgewartet, was der „Runde Tisch“ ihr empfehlen würde und hat schon 2008 angekündigt, ein „360-Mio.-Euro-Maßnahmenpaket zum Gewässerschutz“ auflegen zu wollen. Anfang 2009 hat die K+S AG auf dieser Basis einen Öffentlich-Rechtlichen Vertrag mit der Hessischen Landesregierung geschlossen (4), (5) und im Mai 2009 eine Gesamtstrategie (6) vorgelegt.

Mit diesem Maßnahmenpaket sollte angeblich erreicht werden, die Salzbelastung der Werra „bis 2015 zu halbieren“ und dieses Ziel schon 2012 „zu 90%“ umzusetzen. Dass diese Ziele mit den von der K+S AG angheblich vorgesehenen Maßnahmen schon rein technisch nicht erreicht werden konnten, war nicht nur uns aufgefallen (7), (8). Trotzdem hat die hessische Genehmigungsbehörde vorsorglich die Grenzwerte für diverse Parameter in der Werra gesenkt. 2015, als dann unübersehbar war, dass die „Maßnahmen“ der K+S AG vollständig wirkungslos geblieben waren, wurden die Grenzwerte wieder auf den Stand von 1942 erhöht.

Die K+S AG hatte ihre Zusage nicht eingehalten, aber erneut Zeit gewonnen, ohne den Salzabstoß ihrer Werke im Geringsten verringern zu müssen. Auch das kann sich die Leitung des „Runden Tisches“ als Erfolg anrechnen lassen.

Die „Nordseepipeline“ oder das St. Florians -Prinzip – Der Sündenfall der Naturschutzverbände …

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Nach uns die Sintflut – Vom Lachsgewässer zum Abwasserkanal der Kali-Industrie

Nachhaltigkeit im Kalibergbau als Frage der Generationengerechtigkeit, Teil II

von Walter Hölzel

„Die Werra ist ein fisch- und schiffreicher Fluss in Teutschland“. Mit diesen Worten beschreibt das sechsbändige „Historisch und Geographische Allgemeine Lexikon“ aus dem Jahre 1742 die Werra. „Es heget der Fluss fast alle Gattungen von Fischen in sich“, heißt es auch noch 1789 (1). Was danach geschah, ist ein Sklandal erster Güte: unter den Augen der Behörden wird aus einem Lachsgewässer ein Abwasserkanal der Kali-Industrie. Der Skandal dauert an – die seit 2000 geltende EU-Wasserrahmenrichtlinie soll die europäischen Gewässer schützen, aber tatsächlich wird sie auf Werra und Weser nicht angewendet. Die EU-Kommission hat sich offenbar deutschen Wirtschaftsinteressen untergeordnet und scheint bei der Durchsetzung europäischen Rechts zu versagen.

Immer noch Krieg an der Werra

Der Fluss entspringt im Thüringer Wald auf 797 m ü.NN und vereinigt sich nach 300 km bei Hannoversch Münden auf 117 m ü.NN mit der Fulda zur Weser. Die Namen Werra und Weser haben den gleichen Ursprung: „Viseraha“, „fließendes Wasser“. https://de.wikipedia.org/wiki/Weser#Namensherkunft

Trotz verschiedener natürlicher Salzeinträge ist die Werra ein Süßwasserfluss. Die natürliche Chloridbelastung im Unterlauf lag bei 50 mg/l, im Oberlauf bei 25 mg/l. (2)

Im 19. Jahrhundert erlitt die Werra dann das Schicksal der meisten Flüsse: die zunehmende Industrialisierung hat auch den Fluss verändert. Er wurde wegen des Schiffverkehrs immer wieder vertieft und für die Mühlen aufgestaut. Mergelmühlen, Schneidemühlen, Porzellanmassemühlen, Wollwaschfabriken, Blaufarbenwerke, Färbereien, Gerbereien, Leimsiedereien, Leder- und Papierfabriken haben den Fluss nachteilig beeinflusst. Aber noch bis 1911 wurden Chloridwerte deutlich unter 200 mg/l gemessen.

Das änderte sich erst, nachdem die Kaliindustrie zunehmend ihre Abwässer über den Fluss entsorgte. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts erreichte die Salzbelastung mit Chloridwerten um 1.500 mg/l einen kritischen Wert. Im Jahre 1925 wurde das erste Fischsterben bei Hann.Münden beobachtet. Damals dürften aber auch die weiteren Belastungen durch Hausabwässer und industrielle Einleitungen noch mitbestimmend für den ökologische Zustand der Werra gewesen sein.

Die Werraversalzung erreichte einen weiteren Höhepunkt, als im Jahre 1942 als neue Grenzwerte 2.500 mg/l für Chlorid und eine Gesamthärte von 55 Grad dH genehmigt wurden. Diese Werte wurden offenbar selbst in Kriegszeiten als so extrem eingestuft, dass sie ausdrücklich nur für die Dauer des Krieges Bestand haben sollten:

„Aus den … vorgetragenen Gründen will ich meine grundsätzlichen Bedenken gegen eine vorübergehend stärkere Belastung der Weser und ihrer Zuflüsse mit Kaliabwässern zurückstellen… Ich setze dabei voraus, dass die … Maßnahmen…längstens für die Dauer des Krieges getroffen werden und nach Wiederkehr normaler Verhältnisse wieder aufgehoben werden.“ (3)

An der Werra scheint dagegen auch im Jahre 2020 der Krieg noch nicht beendet zu sein. Von „normalen Verhältnissen“ ist jedenfalls nicht die Rede, denn in der Nachkriegszeit stieg der Chloridgehalt – ungeachtet des geltenden Grenzwerts – zunächst auf über 6000 mg/l an. 1949 und 1953/1954 ereigneten sich weitere schwere Fischsterben in der unteren Werra. Seit damals wird nicht nur die periodische Massenvermehrung der Kieselalgen („Algenblüte“), sondern auch das Massenauftreten des Gemeinen Darmtangs Enteromorpha intestinalis beobachtet.

Abbildung 1: Massenauftreten von Enteromorpha intestinalis in der Werra bei Witzenhausen.
Copyright U. Braukmann

Mitten durch das hessische Kalirevier an der Werra verlief die deutsch-deutsche Grenze. Die Kalibetriebe auf der DDR-Seite waren ebenfalls an der Versalzung des Flusses beteiligt. Dort wurden zunächst die Kali-Endlaugen durch Verpressen in den Untergrund entsorgt. Dieser Entsorgungsweg geriet ab 1968 in die Krise, weil das Trinkwasser zu versalzen begann. Die Laugenversenkung musste vollständig eingestellt werden, die Abwässer wurden von nun an direkt in die Werra geleitet.

Die Werraversalzung stieg danach auf extreme Höhen. 1976 wurde in Eschwege ein Jahresmittelwert von über 11.000 mg Chlorid/l gemessen, Einzelwerte lagen bei bis zu 40.000 mg Chlorid/l. Die Katastrophe schien komplett zu sein.

Werra-Entsalzungsabkommen – eine vergebene Chance (4)

Nach dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten keimten neue Hoffnungen, die Versalzung der Flussgebietseinheit Weser beenden zu können. Im Jahre 1993 trat ein mit 146,5 Mio. € ausgestattetes Verwaltungsabkommen von Bund und Ländern über Maßnahmen zur Reduzierung der Werraversalzung in Kraft. Es sah vor, die kriegs- und krisenbedingten Grenzwerte von 1942 spätestens ab 1995 als Mindestanforderung wieder zu erreichen.

Die staatliche Förderung ist wohl angenommen worden, umgesetzt wurde das Verwaltungsabkommen von 1993 jedoch nur teilweise. Die Mindestanforderungen wurden erst mit fünfjähriger Verspätung im Jahre 2000 erreicht, eine weitere Verringerung der Laugeneinleitung jedoch nicht mehr angestrebt. Die zuständigen hessischen Genehmigungsbehörden hatten offenbar resigniert und in den folgenden Jahren durch Fortschreibung von Erlaubnissen das Verwaltungsabkommen aus dem Jahre 1993 faktisch unterlaufen.

Schlimmer noch: ab 2003 wurde die Situation der Werra wieder verschlechtert. Damals erteilten hessische und thüringische Behörden die Erlaubnis, die Wasserhärte in der Werra auf den extremen Wert von 90 Grad dH zu steigern und sie haben diesen Grenzwert im Jahre 2009 fortgeschrieben.

Und im Jahre 2006 beantragt der Verursacher der ökologischen Katastrophe in der Werra, auch die Abwässer aus einem nicht an der Werra gelegenen Werk in den Fluss einzuleiten. Ab Frühsommer 2007 werden die Abwässer aus dem Werk Neuhof/Ellers per LKW an die Werra transportiert und dort eingeleitet. Obwohl keine betriebsspezifische Genehmigung hierfür erteilt worden ist, schauen die Genehmigungsbehörden untätig zu. Nach einer Anzeige wegen unerlaubter Gewässerverschmutzung eröffnet die Staatsanwaltschaft in Kassel ein Ermittlungsverfahren, musste es aber auf Anweisung der Generalstaatsanwaltschaft Wiesbaden ruhen lassen. Es wurde später ganz eingestellt, nachdem die hessischen Behörden diese Art der zusätzlichen Gewässerverschmutzung durch eine Genehmigung legalisiert hatten. Die Menge der Abwässer aus dem Fuldarevier ist inzwischen auf ca. 700.000 cbm/Jahr angestiegen.

Die Anträge und Genehmigungen aus den Jahren 2006/2007 führten zu einem bisher nicht gekannten Widerstand gegen die Entsorgungspraktiken des Unternehmens K+S Kali GmbH. Eine erste Konferenz der Werra-Weser-Anrainer findet statt, die sich Klarheit über gesetzliche, naturwissenschaftlich/technische und ökologische Hintergründe der Werraversalzung verschaffen wollen. 2007 bildet sich aus der Anrainerkonferenz eine Klagegemeinschaft von Kommunen und Vereinen, die gegen die vom Regierungspräsidium Kassel erteilten Erlaubnisse klagen. Ende 2007 gründet sich der Verein „Werra-Weser-Anrainerkonferenz e.V.“, in dem Kommunen, Verbände und Vereine zusammengeschlossen sind.

Alle Wege führen in die Werra – die Entsorgungspraxis der K+S Kali GmbH

Bei der Aufarbeitung des Rohsalzes fallen Kali-Endlaugen an, die im wesentlichen Natriumchlorid enthalten. Wegen der an der Werra angewandten verlustreichen Aufbereitungsverfahren sind im Abwasser noch Wertstoffe wie Kalium- und Magnesiumsalze enthalten. Sie richten in der Werra erheblichen ökologischen Schaden an. Die Kaliumsalze tragen zur Überdüngung des Flusses und damit zur Algenblüte und zum Massenauftreten des Darmtangs bei. Der hohe Magnesiumgehalt führt zu einer extremen Wasserhärte in der Werra und dürfte hauptverantwortlich sein für die ökologische Katastrophe in der Werra.

Nach 2008 ist die Menge der in die Werra geleiteten Salzabwässer erheblich zurückgegangen, nicht jedoch die Menge der an die Umwelt abgestoßenen Salze. Sie gelangen alle in die Werra, wenn auch auf Umwegen und zeitverzögert. An der Vernichtung der Süßwasser-Biozönose in der Werra hat sich bis heute nichts geändert und es steht auch keine Verbesserung in Aussicht.

Die Kali-Endlaugen wurden je zur Hälfte direkt in die Werra geleitet und in den Untergrund verpresst. Damit sind die Laugen aber nicht aus der Welt: aus 500 m Tiefe gelangen die verpressten Abwässer über geologische Störstellen in die Grundwasserstockwerke und schließlich in die Vorfluter und in die Werra. Unter der Erde ist eine Salzwasserblase entstanden, deren Ausdehnung in der Fläche dem Bodensee entspricht.

Zum Schutz der letzten Trinkwasservorräte der Gemeinde Gerstungen in Thüringen musste die K+S Kali GmbH ihre Versenktätigkeit in Thüringen einstellen. Wenige Kilometer entfernt, auf der hessischen Seite der Werra, werden aber weiter Abwässer in den Untergrund geleitet. Ein von der hessischen Landesregierung angefordertes Rechtsgutachten aus dem Jahre 2008 hätte es den den Genehmigungsbehörden ermöglicht, auch in Hessen die Versenkgenehmigung sofort zu entziehen; aber so weit wollte man wohl nicht gehen. Die Versenkgenehmigung wurde 2012 „zum letzten Mal“ verlängert und 2015 erneut „zum letzten Mal“, diesmal bis 2021 erneuert.

Bei einem elektrostatischen Vorabtrennungsverfahren (ESTA-Verfahren) fallen trockene Rückstände an. Sie werden nicht etwa in die freigewordenen Hohlräume untertage versetzt. Dort hat die K+S Kali GmbH nämlich die Genehmigung, bergwerksfremde Abfälle zu einzubauen. Die eigenen Rückstände werden oberirdisch aufgehaldet und sind dort der Witterung ausgesetzt. Die K+S Kali GmbH betreibt in den Revieren an der Fulda und an der Werra drei Halden mit einer Gesamtmenge von etwa 600 Mio. to. Die Verdoppelung der Halden wirdl angestrebt, erste Haldenerweiterungen sind bereits genehmigt..

Da die Halden dem Regen ausgesetzt sind, fallen für die nächsten 700 bis 2.000 Jahren Haldenabwässer an. Sie werden zur Zeit teilweise aufgefangen und in die Werra geleitet. Es gelangen aber auch Haldenlaugen direkt in den Untergrund. Unterhalb der Halde in Heringen konnte der Spaziergänger Quellhorizonte beobachten, in deren Schüttung Salzgehalte von 20 bis 160 g/l gemessen worden sind.

Insgesamt kann man sagen, dass sowohl die Kali-Endlaugen als auch die trockenen Rückstände (über die Haldenlaugen) in die Werra gelangen. Die in den Untergrund verpressten Abwässer beeinflussen zusätzlich noch das Grundwasser und bedrohen das Trinkwasser in weitem Umkreis.

Die ökologische Katastrophe in der Werra könnte kaum vollständiger sein

Oberhalb der Einleitstelle findet man im Makrozoobenthos des Flusses noch 40 bis 60 Arten. Das ändert sich schlagartig:

In der nicht salzbelasteten Werra bei Barchfeld kommen 14 flusstypische Rote-Liste-Arten vor. In der salzbelasteten Werra dominiert mit Abstand Gammarus tigrinis, gefolgt von Potamopyrgus antipodarum, die übrigen Arten kommen nur vereinzelt vor. Der Vergleich mit dem faunistischen Leitbild am Beispiel der Mollusken und der Fische zeigt die drastischen Ausfälle in beiden Gruppen. Die Werra muss gemäß den Bewertungskriterien der WRRL anhand biologischer und chemischer Parameter in die Klasse 5 = schlechtest möglicher Zustand eingestuft werden. (5)

Abbildung 2: Gammarus tigrinus, der Hauptbewohner der Werra
Copyright U. Braukmann

So bleibt es auch bis zum Zusammenfluss mit der Fulda. Obwohl der Chloridgehalt auf 800-1.200 mg/l sinkt, ergibt die Beurteilung des ökologischen Zustands im Unterlauf der Werra mit dem Instrumentarium der EG-Wasserrahmenrichtlinie unverändert den schlechtest möglichen Zustand.

„Die Fische sind fitter als im Vorjahr“ – gutachterliche Euphorie des Verursachers

Zwar wollen von der K+S Kali GmbH beauftragte Gutachter im Herbst 2010, nach einem wasserreichen und damit für die Werra relativ salzarmen Sommer, neun verschiedene Jungfischarten im Unterlauf der Werra gefunden haben. In der öffentlichen Darstellung wurde aber vergessen zu erwähnen, dass es sich um äußerst genügsame Arten gehandelt hat, von denen einige sogar im Brackwasser der Ostsee vorkommen. Es wurde auch kein Nachweis darüber geführt, dass diese Jungfische, die möglicherweise mit den Zuflüssen in die Werra gelangt sind, auch tatsächlich in der Werra überleben und sich fortpflanzen können.

Im gleichen Zeitraum hat das Thüringische Landesamt für Umwelt und Geologie (TLUG) das Artenspektrum im thüringischen Teil der Werra erfasst. Es wird ein Zustand dokumentiert, der die Euphorie der K+S-Gutachter – milde gesprochen – unglaubwürdig erscheinen lässt:

Die Werra bei Gerstungen mussten die TLUG-Mitarbeiter 2006 wie 2010 jeweils mit einer 5 („schlecht“) benoten. Während in Hörsel und Nesse auf 400 Metern je mehr als 2000 Fische gezählt wurden, waren es an der Werra auf 500 Metern 219 im Jahr 2006 und 117 im Jahr 2010. (…) Bei der Artenzusammensetzung gibt es ander Werra kaum Übereinstimmung mit dem Leitbild. „Die Werra ist im Abschnitt Eisenach bereitssehr stark von der Salzeinleitung auf dem Kalibergbau beeinflusst, was sich auch nachteilig aufdie Fischfauna auswirkt“, heißt es im Fazit der TLUG (6).

Im Gegensatz zu den Gutachtern der K+S Kali GmbH stellt das TLUG also eine Verschlechterung auf schlechtestem Niveau fest. Trotzdem jubelte der Kalihersteller:

Aktuelle Ergebnisse langjähriger Gewässeruntersuchungen bestätigen, dass sich die dynamische Verbesserung der ökologischen Bedingungen in Werra und Weser weiter fortsetzt.“ (7)

Kein Wunder also, dass unabhängige Wissenschaftler den Ergebnissen der K+S-Gutachten mit deutlichen Worten widersprechen und die angewandten Methoden anzweifeln (8), (9).

Unterlaufen der EU-Wasserrahmenrichtlinie – die Werra als „stark veränderter Fluss“

Die EG-Wasserrahmenrichtlinie verlangt, dass bis zum Jahre 2015 die Oberflächengewässer den „guten ökologischen Zustand“ erreicht haben sollen, der sich nur geringfügig vom Naturzustand unterscheidet („Verbesserungsgebot“). Außerdem gilt ein Verschlechterungsverbot.

Bislang sind keine Anstrengungen des Kaliherstellers zu erkennen, mit denen dieses Ziel erreicht werden könnte. Im Gegenteil: man scheint die EU-WRRL unterlaufen zu wollen, indem man sich auf die aufhebenden Artikel 4(7) und 4(8) WRRL beruft. Leider scheinen die Genehmigungsbehörden auch dem widerstandslos folgen zu wollen. Schon im Jahre 2007 wurde die Werra in einem Verfahren „zur Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie“ als „stark verändertes Gewässer“ eingestuft. Dies vorausgesetzt, könnte vom Kalihersteller nicht mehr verlangt werden, den „guten ökologischen Zustand“ und damit das Qualitätsziel der EU-WRRL zu erreichen. Die K+S Kali GmbH (10) und ihre Gutachter (11) ihrerseits lassen nichts unversucht, um die Verantwortung des Kaliherstellers für die ökologische Situation in der Werra zu relativieren.

Der Sandoz-Unfall im Rhein und die Erholung des Flusses zeigen aber, wie dynamisch Fluss-Ökosysteme sind. Auch die Werra kann sich von der Nutzung als Abwasserrinne der Kali-Industrie erholen (12). Dazu ist es allerdings notwendig, die Entsorgungspraktiken der Kali-Industrie im Werratal zu ändern. Warum geschieht das nicht?

Kein technischer Fortschritt an der Werra?

Mit der immer wieder vorgetragenen Behauptung, es gebe keine technischen Möglichkeiten, den Anfall von flüssigen und festen Abfällen zu verhindern bzw. andere Entsorgungswege einzuschlagen, soll offenbar die frist- und zielgerechte Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie umgangen werden. Tatsächlich gibt es technisch und wirtschaftlich gangbare Möglichkeiten, den Abstoß von Salzen an die Umwelt gänzlich zu vermeiden (13), (14), (15). Damit wäre es möglich gewesen, bis zur letzten Umsetzungsfrist der EU-WRRL im Jahre 2027 den „guten ökologischen und chemischen Zustand“ und damit das Qualitätsziel der Richtlinie zu erreichen. Aber was soll tatsächlich geschehen?

Der „Vierphasenplan“ der Hessischen Landesregierung will den „schlechtest möglichen Zustand“ festschreiben (16)

Die Hessische Landesregierung hat in ihrem Vierphasenplan (2014) der K+S AG zugestanden, keine Maßnahmen ergreifen zu müssen, um das Qualitätsziel der EU-WRRL erreichen zu können. Dem Unternehmen ist zwar die Möglichkeit gegeben worden, seine Produktionsabwässer in aufgelassenen Bergwerken einstapeln zu können, gleichzeitig dürfen die Haldenlaugen aber weiterhin in den Fluss geleitet werden. Jetzt werden unverbindliche „Zielwerte“ für verschiedene Parameter in der Werra genannt. Sie sollen ab 2027 angestrebt werden und für unbestimmte Zeit gelten. Diese „Zielwerte“ ermöglichen es nicht, den schlechten Qualitätszustand des Flusses auch nur geringfügig zu verbessern:

Die „Zielwerte“ für die Werra und das Qualitätsziel der EU-WRRL:

Zielwert“ ab 2027Maximalwert für den
„guten ökologischen Zustand“
Chlorid mg/Liter 1.170deutlich weniger als 100
Magnesium mg/Liter 340 deutlich weniger als 60
Kalium mg/LIter 200 deutlich weniger als 40

Mit der Abkehr von den Qualitätszielen wird die EU-WRRL de facto außer Kraft gesetzt. Das wäre rechtlich nur möglich, wenn man davon ausgehen könnte, dass die Werra so weit denaturiert ist, dass sich ihr Zustand technisch nicht mehr verbessern lässt. Wir werden in einem der nächsten Blogposts nachweisen, dass diese Annahme nicht zutrifft.

Fortsetzung folgt …

Endnoten

(1) U.D. Oppitz, Allendorf an der Werra 1789, Hessische Ortsbeschreibungen 13, S. 120. Die Hinweise 1 und 2 verdanke ich Joachim Tappe, ehem. Stadtrat in Witzenhausen

(2) Die folgenden Darstellungen zur geschichtlichen Entwicklung der Salzbelastung in der Werra finden sich in: Gerd Hübner, Ökologisch-faunistische Fliessgewässerbewertung am Beispiel der salzbelasteten unteren Werra und ausgewählter Zuflüsse, Kassel 2007, S. 24 ff.

(3) Schreiben des Generaldirektors für Wasser und Energie in Berlin an das Regierungspräsidium Kassel vom 26.07.1943

(3) Die folgenden Ausführungen finden sich in: P. Arnold, Stellungnahme (…) zur am 15. März 2007 in Kassel stattfindenden Anhörung der Umweltausschüsse (…) Ausschussvorlage ULA/16/52 vom 13.03.2007

(5) U. Braukmann (Universität Kassel), „Die Salzbelastung der Werra und ihrer Aue“, Vortrag, 2. Werra-Weser-Anrainerkonferenz, November 2007, https://ia601503.us.archive.org/6/items/kurzfassungbraukmanndruck/Kurzfassung%20Braukmann-Druck.pdf

(6) Thüringer Landeszeitung 15.06.2011

(7) Pressemitteilung der K+S AG vom 12.10.2010

(8) U. Braukmann (Universität Kassel), „Salzbelastung der Werra“, Vortrag, 3. Anrainerkonferenz Bremen 17.11.2007

(9) F. Wagner, J. Arle, Institut für Gewässerökologie und Fischereibiologie Jena, „Der ökologische Zustand der Mittleren und Unteren Werra und seine Haupteinflussfaktoren“, Gutachten, April 2009

(10) z.B. Pressemitteilung der K+S vom 12.10.2010

(11) z.B. in einem Interview mit dem Hessischen Fernsehen, ausgestrahlt am 29.11.2007

(12) U. Braukmann, (Universität Kassel), „Ökologische Auswirkung der Salzbelastung in der Werra“, Vortrag, 1. Anrainerkonferenz, Witzenhausen 22.03.2007

(13) W.Hölzel/WWA, (Kein) Klimaschutz in der industriellen Produktion am Beispiel der Herstellung von Kaliumsulfat, 25.11.2019, https://salzblog.org/2019/11/25/klimaschutz-durch-werraschutz/

(14) W.Hölzel/WWA, Auf dem Silbertablett serviert – Die K+S AG lehnt ein Angebot der Stadtwerke Union Nordhessen und der General Electric Company ab https://salzblog.org/2019/12/02/auf-dem-silbertablett-serviert-die-ks-ag-lehnt-ein-angebot-der-general-electric-corp-ab/

(15) W. Hölzel/WWA, Eine praktikable Lösung für die Entsorgungsprobleme des Kaliherstellers K+S war wohl nicht erwünscht, https://salzblog.org/2019/11/14/die-probleme-des-kaliherstellers-ks-ungewuenscht-geloest/, 14.11.2019

(16) W.Hölzel/WWA, Die Werra trägt Schwarz, https://salzblog.org/2019/11/18/die-hessische-umweltministerin-lobt-sich-selbst-und-vergisst-die-werra/, 18.11.2019

Nach uns die Sintflut – Trinkwasser, Blei, Umwelthormone, die EU-Kommission und die Abwässer der K+S AG

Nachhaltigkeit im Kalibergbau als Frage der Generationengerechtigkeit, Teil I

von Walter Hölzel

Von Nachhaltigkeit spricht man, wenn einem System nicht mehr Ressourcen entnommen werden, als dort auf natürliche Weise wieder nachwachsen. Das geläufige Beispiel ist die Forstwirtschaft, wo der Begriff der Nachhaltigkeit entwickelt worden ist. Diese Art von Nachhaltigkeit ist im Kalibergbau naturgemäß nicht möglich.

Entscheidend ist, wie man das System definiert, dessen Nachhaltigkeit man beurteilen möchte. So kann es für ein Wirtschaftsunternehmen – kurzfristig und isoliert betrachtet – durchaus „nachhaltig“ erscheinen, eine Lagerstätte mit ineffektiven Methoden und unter Energieverschwendung auszubeuten und dabei Ewigkeitslasten und Umweltschäden zu hinterlassen. So könnte sich ein Unternehmen die Möglichkeit verschaffen, „neue“ Ressourcen zu erschließen, mit denen es sein Geschäftsmodell an anderer Stelle fortsetzen kann. „Nachhaltigkeit“ bezieht sich dann auf kurzfristige Gewinnmaximierung. Die Unternehmen hüten sich jedoch, dies in ihren Nachhaltigkeitsberichten zum Ausdruck zu bringen.

Wenn man aber die Verantwortlichkeit weiter fasst und auf längere Zeiträume ausdehnt, dann ergeben sich ganz andere Prioritäten als die kurzfristige Gewinnmaximierung. Dazu kann es hilfreich sein, den Begriff der „Nachhaltigkeit“ durch „Generationengerechtigkeit“ zu ersetzen (1), (2), (3).

Es lassen sich jetzt konkrete Fragen formulieren, etwa zu dem Umgang mit einer Lagerstätte und mit den bei Abbau und Aufarbeitung betroffenen (Öko)Systemen:

  • Mit welchen Abbau- und Aufbereitungsverfahren kann man die Lagerstätte mit möglichst geringen Verlusten an Wertstoffen und Energie ausbeuten?
  • Wie kann man Ewigkeitslasten wie dieTrinkwasservernichtung, die Zerstörung von Ökosystemen und oberirdische Rückstandshalden vermeiden?
  • Wie kann man vermeiden, dass nach der Ausbeutung der Lagerstätte unkalkulierbare Schäden durch Bergsenkungen entstehen?
  • Ist es verantwortbar, in Salzbergwerken, die immer von Wassereinbrüchen bedroht sind, hochgiftige Abfälle einzulagern?
  • …..

Diese Fragen müssen auch dann gestellt werden, wenn ein Unternehmen lediglich ineffektiv arbeitet und den Eindruck zu erwecken versucht, die Arbeitsplätze könnten nur erhalten bleiben, wenn Ökosysteme rücksichtslos zur Verklappung der Abfälle in Anspruch genommen werden.

Die Fragen sind auch dann zu stellen, wenn Unternehmen einen so hohen Anteil der Gewinne entnehmen und an die Anteilseigner ausgeschütten, dass sich das Unternehmen überschuldet und die Fähigkeit verliert, durch Investitionen in moderne Technik seine Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Schlechtes Arbeiten und Raubbau rechtfertigen keine Umweltzerstörung.

Welche Art der Nachhaltigkeit nimmt die K+S AG für sich in Anspruch?

Auch der Kalihersteller K+S bekennt sich zu Nachhaltigkeitszielen: „In drei Handlungsfeldern haben wir uns konkrete Nachhaltigkeitsziele gesetzt. Es geht um Menschen, um die Umwelt und unsere Geschäftsethik.“ (4)

In unseren folgenden Blogposts zur Nachhaltigkeit im Kalibergbau überprüfen wir anhand der täglichen Praxis des Unternehmens, welche Auswirkung diese Praxis auf die Umwelt und die Menschen entlang der Werra und der Weser hat. Die Frage nach der Geschäftsethik wird sich dann vermutlich von selbst beantworten.

Rückstandshalden und Betriebsanlagen der K+S AG im Werratal. Die Anlagen reichen bis nahe an den Fluss heran. Copyright jan wundah

Kaliabwässer vernichten Trinkwasservorkommen

Der Bürgermeister der K+S-Standortgemeinde Heringen im Werratal schreibt im Juni 2016 einen zornigen Brief an den Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübke:

„Sie schreiben tatsächlich, dass es keine Beeinträchtigung der Trinkwasserversorgung aufgrund der Salzwasserversenkung bei uns gebe. In Anbetracht der Tatsachen ist eine solche Antwort von einer Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde zu den Folgen der Versenkung von Kaliabwässern eine einzige zynische Verhöhnung der betroffenen Bürgerinnen und Bürger. (…) Bereits ab den 50er Jahren haben die Bürgermeister und Landräte heftig Klage über die negativen Folgen der Versenktätigkeit auf die hiesige Trinkwasserversorgung geführt. In aller Offenheit wird schriftlich von der zunehmenden Versalzung der Quellen, der daraus entstandenen Versorgungsnot und der damit einhergehenden drastischen Erhöhung der Wassergebühren geschrieben und geklagt. Diese große Not hat dazu geführt, einen Wasserbeschaffungsverband zu gründen, um das Wasser für die Bürger aus weit entfernten Gemarkungen heranschaffen zu können, was wiederum heftige Diskussionen bezüglich der Finanzierung und des damit einhergehenden Wasserpreises auslöste.“ (5)

Die Klage des Bürgermeisters ist, wissenschaftlich hinterlegt, berechtigt:

„Seit 1925 wird ein großer Teil der Kaliendlaugen unter Druck (bis 20 bar) über Schluck- oder Versenkbrunnen in den 300 bis 600 Meter tiefen Plattendolomit des Zechsteins verpresst. (…) …durch den hohen hydrostatischen Druck werden die Dolomitwässer und letztendlich auch die Kaliendlaugen gezwungen auszuweichen und an den Zerrüttungsstellen des Plattendolomits aufzusteigen. Mittlerweise ist die Salz-/Süßwassergrenze regional bereits bis in oberflächennahe Beeiche aufgestiegen, ein Vorgang, der als irreversibel anzusehen ist. So entstanden neue Salzquellen und großflächige Austrittsstellen von salzhaltigen Grundwasser. (…) Ob es sich bei den aufsteigenden Salzwässern um natürliche Solquellen oder um Kaliendlaugen handelt, lässt sich am Ca:Mg-Verhältnis feststellen“ schreibt Margit Kahlert schon 1993 (6).

Modell der Laugenversenkung in der Gerstunger Mulde

Die DDR-Betriebe hatten die Laugenverpressung bereits vor 1970 eingestellt, nachdem Trinkwasserbrunnen zu versalzen begannen. Die K+S AG, die als Betreiberin der Kaligrube immer noch Abfalllaugen in den Untergrund verpresst und Haldenlaugen versickern lässt, hat bis heute jede Verantwortung für die beschriebenen Schäden abgelehnt. Diese Schäden aber haben ein erhebliches Ausmaß:

„Im oberflächennahen Grundwasser (zwischen Widdershausen und Heringen, Anmerkung des Autors) zeigen sich zwei Bereiche hoher Belastung mit Chloridgehalten von über 40.000 mg/l und Magnesiumgehalten von über 2.000 mg/l. Einer dieser Bereiche befindet sich im Naturschutzgebiet „Rohrlache“ (im Bereich des Versenkgebiets Dankmarshausen, Anmerkung des Autors) in einiger Entfernung zur Werra. Der zweite Bereich extrem hoher Belastung erstreckt sich entlang der Werra. Bis in 300 Meter Entfernung von der Werra liegen die Werte dann zwischen 30.000 – 10.000 mg/l“. (7)

Die Salzbelastung des Grundwassers und der Flussaue ist nicht auf das Werrarevier begrenzt, sondern sie setzt sich bis Bremen fort: (8)

„Je nach örtlichen Verhältnissen ist ein bis zu 400 Meter breiter Streifen des Grundwasserkörpers beiderseits von Werra und Weser durch stark salzhaltiges Uferfiltrat beeinflusst. Daher muss weitgehend auf die Gewinnung des leicht erschließbaren Grundwassers in der Talaue verzichtet werden (…). Da in der norddeutschen Tiefebene das Grundwasser von Natur aus einen hohen Mangan- und Eisengehalt aufweist, kann es als Trinkwasser nur bedingt verwendet werden und man ist auf die Gewinnung von Flusswasser oder Uferfiltrat angewiesen. Die Stadt Bremen bezieht seit 1935 über Fernleitungen Wasser (…), anfangs aber nur, um das Weserwasser zu verdünnen. Seit 1982 verwendet Bremen kein Weserwasser mehr zur Trinkwassergewinnung. Der überhöhte Bromidgehalt im Weserwasser aufgrund der Kaliabwasserbelastung hatte bei der Chlorung des Mischwassers zur Bildung toxischen Bromoforms im Trinkwasser geführt.“

„Im Werragebiet musste als Ersatzmaßnahme vielerorts das Grundwasser im Festgestein der höheren Lagen unter großen Kosten erschlossen werden, wie dies auch in Witzenhausen schon vor 20 Jahren geschah.“

Auch für landwirtschaftliche und industrielle Zwecke eignet sich das Flusswasser nicht mehr:

„Das Wasser von Werra und Weser, sowie des vom Weserwasser gespeisten Mittellandkanals fällt aufgrund des hohen Salzgehaltes für die landwirtschaftliche Nutzung, wie für die Beregnung, vollständig aus.“

„Der hohe Salzgehalt verursacht (…) Korrosion und Ablagerungen an den Betriebseinrichtungen. Die Lebensdauer von Turbinen, Kondensatoren, Pumpen, Stahlwasserbauten und Betonkonstruktionen verringert sich stark (…). Im Wesergebiet allein sind daher nach einer Umfrage jährliche Wassergewinnungskapazitäten der Industrie von mindestens 1,0 Mio. cbm Oberflächenwasser und 1,9 Mio. cbm Grundwasser stillgelegt worden. (…) Auch die hessischen Kaliwerke sind davon betroffen und beziehen ihr Brauchwasser zum Teil aus Quellen. (Hervorhebungen durch den Autor)

Die EU-Trinkwasserrichtlinie

Die EU-Kommission erarbeitet eine Neufassung der Trinkwasserrichtlinie (9). Wie üblich (10), (11), (12), (13), versuchen Lobbyverbände und diverse Mitgliedsstaaten den Entwurf abzuschwächen. Nicht der Eintrag industrieller Abfälle in Trinkwasserhorizonte soll möglichst gering gehalten werden, vielmehr soll der „Schutz“ des Trinkwassers und der Bevölkerung die möglichen Verursacher möglichst wenig kosten. Das betrifft z.B. Blei, Umwelthormone und Mikroplastik im Trinkwasser. Bei diesen Bestrebungen ist die Bundesregierung ganz vorne dabei. In den einzelnen Bundesländern setzen die Genehmigungsbehörden diese Politik dann um.

Die deutschen Behörden sind einschlägig (un)tätig: Blei und andere Schwermetalle im salzbelasteten Grundwasser

„So schreibt die Kommission in ihrem Gesetzesvorschlag, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weise darauf hin, „dass Blei einer der wenigen Stoffe ist, von denen bekannt ist, dass sie sich über das Trinkwasser direkt auf die Gesundheit auswirken“. Die Konzentration solle daher so niedrig wie möglich gehalten werden. Die WHO ist mit dieser Einschätzung nicht allein. Das Umweltbundesamt warnt: „Blei ist auch in sehr niedrigen Aufnahmemengen gesundheitsgefährdend und kann bei Ungeborenen, Säuglingen und Kleinkindern das Nervensystem schädigen sowie die Blutbildung und die Intelligenzentwicklung beeinträchtigen.“ (…) Die EU-Kommission schlägt daher eine weitere Verschärfung der Grenzwerte vor. Die zulässige Bleikonzentration soll von heute maximal zehn Mikrogramm pro Liter auf fünf Mikrogramm pro Liter sinken. (…) Der deutschen Position haben sich seitdem mehrere Mitgliedsstaaten angeschlossen. Der Bleigehalt soll demnach auch künftig bei zehn Mikrogramm liegen dürfen.“ (9)

Nur durch eine Anordnung des Thüringer Landesverwaltungsamts wurde bekannt, dass im Grundwasser am Fuß der K+S-Rückstandshalde Hattorf deutlich über den Grenzwerten der Trinkwasserverordnung liegende Konzentrationen an Schwermetallen gemessen worden sind, „darunter Zink, Cadmium, Blei, Kupfer und Nickel. Der Geringfügigkeitsschwellenwert wurde dabei zum Teil um das Tausendfache überschritten“ (14). Der schwebende Grundwasserleiter strömt hier südöstlich in Richtung des Breizbachtals nach Thüringen. Die Entnahme von Grund- und Oberflächenwasser im Einflussbereich der K+S-Rückstandshalde wurde deshalb in Thüringen untersagt (15).

Das hesssische Umweltministerium war dagegen der Meinung, dass von der Schwermetallbelastung des Grundwassers in Hessen keine Gefahr ausgehe, weil „Das Grundwasser des sogenannten schwebenden Grundwasserleiters in Hessen nicht genutzt (werde)“ (16).

Diese Aussage ist an Zynismus kaum zu übertreffen. Natürlich kann dort kein Trinkwasser mehr gewonnen werden, wo dem Unternehmen gestattet ist, seine Abwässer versickern zu lassen. Der eigentliche Skandal ist, dass dort auch künftig keine Trinkwasservorräte mehr zur Verfügung stehen. Und: weil sich das belastete Grundwasser bewegt, kann es in bisher unbelasteten Regionen weitere Trinkwasservorkommen vernichten.

Das Problem ist seit 2011 bekannt …

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Der Kalimarkt verändert sich

Die weltweite Überproduktion an Kalidünger und die neu entdeckte Kaliressource in Thüringen – was wird aus K+S?

Aktualisiert 31.12.2019

von Walter Hölzel

In den Jahren 2007/2008 konnten die Erzeuger von Kalidüngemitteln stark steigende Kalipreise am Markt durchsetzen. Die Abnehmerländer reagierten mit Kaufboykotten bis hin zu Importstops und der Erschließung eigener Vorkommen. Die daraus folgende Überproduktion an Kalidünger führte ab 2015 zu einer Krise auf dem Kalimarkt. Immer wieder müssen Kaliproduzenten ihre Produktion drosseln und Umsatzeinbußen sowie schlechtere betriebswirtschaftliche Kennzahlen hinnehmen.

Auch in Thüringen, nicht sehr weit entfernt von den K+S-Kaligruben im Werratal, befinden sich noch unerschlossene Kalivorkommen. Die Davenport Resources Ltd. gibt bekannt, im Ohmgebirge einen Kalivorrat von 325 Mio. Tonnen mit einem Gehalt von 13,1 % K2O festgestellt zu haben. „Dieser Vorrat befindet sich in dem zu 100 % in Unternehmensbesitz befindlichen Bergwerkseigentum Ohmgebirge in der Südharz-Region„. Nach Unternehmensangaben können dort jährlich 1 Mio. Tonnen K2O produziert werden. Zum Vergleich: die Weltjahresproduktion beträgt etwa 40 Mio. Tonnen K2O.

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Aktuell: Tote Rinder im Dankmarshäuser Rhäden – verhungert oder an Salzwasser gestorben?

Im Naturschutzgebiet „Wilde Weide“ in der Werraaue bei Dankmarshausen (Thüringen) sind verendete Heckrinder aus einer Herde aufgefunden worden, die dort aus Naturschutzgründen extensiv gehalten wird. Dem betreibenden Landwirt wird vorgeworfen, er habe die Tiere verhungern lassen. Die Herde sei zu stark angewachsen und die Nahrungsgrundlage auf der Weidefläche sei nicht mehr ausreichend (1), (2). Dem steht entgegen, dass ein starkes Anwachsen der Herde bei Nahrungsmangel kaum zu erwarten ist. Die dort ebenfalls extensiv gehaltene Herde Exmoore-Ponys ist offenbar nicht betroffen. Ungeprüft scheint zu sein, ob die Rinder durch zu Tage getretenes salzhaltiges Grundwasser zu Schaden gekommen sind.

von Walter Hölzel

Versenkbohrung der K+S AG Herda 11

Das Grundwasser des Kalireviers ist stark mit Salz belastet.

Es ist bekannt, dass das Grundwasser im Werrarevier stark mit Salz belastet ist. Als Gründe werden verpresste Abwässer der K+S AG sowie versickernde Haldenlaugen desselben Unternehmens genannt. 2008 bis 2016 waren versalzene Trinkwasserbrunnen der Gemeinde Gerstungen Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten (3).

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Die Zauberlehrlinge aus Hessen oder: wie werde ich die Geister wieder los?

Wie aus einem alten Kalibergwerk zunächst eine „unbedeutende Abfallbeseitigungsanlage“ für Aschen und daraus mit zwei „wesentlichen“ Erweiterungen die weltweit größte Untertagedeponie für besonders überwachungsbedürftige Abfälle gezaubert worden ist – ohne Planfeststellung mit Öffentlichkeitsbeteiligung und ohne Umweltverträglichkeitsprüfung.

Ein Behördenstück in drei Zaubersprüchen

von Walter Hölzel

(…)
Walle! walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
in das Bergwerk sich ergieße.
(…)
Frei nach Goethes Zauberlehrling bzw. der Ballade
„Der Lügenfreund“ von Lukian von Samosata
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Aktuell: Die K+S-Untertagedeponie Herfa-Neurode brennt schon wieder

In der Nacht zum 5. Dezember ist erneut ein Schwelbrand in der von der K+S AG betriebenen Untertagedeponie für besonders überwachungsbedürftige Abfälle in Herfa-Neurode ausgebrochen.

Symbolbild

von Walter Hölzel

Der Brand soll in einer Kammer ausgebrochen sein, in der Rauchgasrückstände eingelagert sind. Solche Stoffe können mit Wasser unter starker Hitzeentwicklung reagieren und dabei auch Wasserstoff bilden. Dieses Gas bildet mit Luft explosionsfähige Gemische. Die Rauchgasrückstände sind selbst nicht brennbar. Zu Bränden kann es nur kommen, wenn gleichzeitig Feuchtigkeit und brennbare Materialien mit eingebracht werden. Das könnten Paletten oder sonstige Abfälle sein.

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Auf dem Silbertablett serviert – Die K+S AG lehnt ein Angebot der Stadtwerke Union Nordhessen und der General Electric Company ab

Hundert Jahre Werraversalzung und hundert Jahre Kaliforschung – Warum sich die Qualität der versalzenen Gewässer trotzdem nicht verbessert hat Teil IV.

von Walter Hölzel

Die K+S AG baut im Werra-Fuldarevier kaliumhaltige Salze ab und gewinnt daraus Kalidünger. Dreiviertel der geförderten Rohsalze werden als Abfälle an die Umwelt abgestoßen. Das hat zu einer großflächigen Versalzung des Grund- und Trinkwassers geführt sowie die Süßwasser-Lebensgemeinschaft in der Werra vernichtet und in der Weser schwer geschädigt. Von der Einleitstelle bis Bremen können die Anrainerkommunen kein Trinkwasser aus dem Uferfiltrat der Flüsse gewinnen.

Dieser Umweltkonflikt hat seinerseits einem Konflikt mit europäischen Richtlinien verursacht, welche die Anrainer vor der rücksichtslosen Inanspruchnahme der Gewässer z.B. als Abwasserrinnen schützen sollen. Wenn keine Lösungen gefunden und angewandet werden, mit denen sich die Richtlinien einhalten lassen, dann steht auch immer die Schließung der verschmutzenden Betriebe im Raum.

Die K+S AG lehnt es ab, in wirkungsvolle Technologien zu investieren

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