An ihren Widersprüchen kann man sie erkennen

Wie die Anrainerländer von Werra und Weser mit ihrem Bewirtschaftungsplänen versuchen, die Flüsse zu „Opfergebieten außerhalb des Schutzregimes der Wasserrahmenrichtlinie“ zu machen, Teil 6

Instabile Rückstandshalden der K+S AG mit abrutschenden Flanken lassen keine standfeste und wirksame Abdeckung zu. Der hier sichtbare Damm wurde zwischen der abrutschenden Haldenflanke und Werksinfrastruktur der K+S AG in Neuhof-Ellers errichtet

Die Hessische Landesregierung verwickelt sich in Widersprüche, wenn sie versucht, die ökologische Katastrophe in der Werra zu vertuschen und gleichzeitig den Fluss zu einem unsanierbaren Gewässer herabstufen will

Noch 2015 geht die hessische Umweltministerin davon aus, dass im salzbelasteten Teil der Werra selbst am Pegel Gerstungen keine Auswirkungen der Abwassereinleitung auf die Entwicklung von Fischeiern festgestellt werden konnten:

Seit 2012 werden monatlich in Wasserproben der Werra bei Unterrhon oberhalb der Werkseinleitungen von K+S und beim Pegel Gerstungen vergleichende Untersuchungen zur akut giftigen Wirkung auf die Entwicklung von Fischeiern durchgeführt. Die Untersuchungen erfolgen nach der DIN 38415-6 (Fischeitest). Die bisherigen 33 Untersuchungen haben ergeben, dass keine Effekte anhand des standardisierten Verfahrens zur Fischeigiftigkeit des Flusswassers ober- oder unterhalb der Einleitungen der Kaliindustrie festzustellen sind.“

Antwort der Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Hessischer Landtag, Drucksache 19/2338 zu der Kleinen Anfrage der Abg. Schott (DIE LINKE) vom 12.08.2015 „betreffend Salz-Grenzwerte für die Flussgebiete Werra und Weser und ihre Fischbrutgefährlichkeit“

Andererseits ist die Ministerin der Ansicht:

Der gute ökologische Zustand in den Wasserkörpern der Werra ist bis zum Jahre 2027 selbst dann nicht zu erreichen, wenn die Kali-Produktion im Werra-Kali-Revier von heute an stillgelegt werden würde.

dieselbe 2015

Wie passt das zusammen?

Hier passt natürlich nichts zusammen, die Aussagen der Ministerin widersprechen sich vielmehr. Sie befindet sich in einem politischen Dilemma: Einerseits muss sie die ökologische Situation der Werra abstreiten, weil sie ja als Umweltministerin dagegen hätte einschreiten müssen. Das hat sie nicht getan.

Andererseits öffnet die Herabstufung des Flusses zu einem „stark veränderten Gewässer“ das Schlupfloch, um das Verbesserungsgebot der EU-Wasserrahmenrichtlinie zu umgehen und die Werra auf unbegrenzte Zeit der Kali-Industrie als Abwasserrinne zur Verfügung zu stellen. Das versucht Priska Hinz mit ihrem „Vierphasenplan“ zu erreichen, den sie 2014 mit der K+S AG vereinbart hat.

Bleiben wir zunächst bei der Fischbrut und bei den Tatsachen:

Schon die bloße Inaugenscheinnahme der Werra widerspricht den von der Ministerin zitierten Studienergebnissen. Der Zusammenbruch der Süßwasserbiozönose und die quantitativ und qualitativ extrem verarmte Fischfauna der Werra lassen sich vielmehr durch toxische Auswirkungen auch auf die Fortpflanzungsfähigkeit der Arten erklären. Etwas anderes ist auch nicht zu erwarten. Ein großer Anteil der Energie des Gesamtstoffwechsels wird bei Wasserorganismen nämlich für die Osmoseregulation verwendet. Bei Änderungen der Ionenkonzentration oder der Ionenzusammensetzung wird der Organismus geschwächt, insbesondere die sensiblen Lebensstadien wie Reproduktion und Embryonalentwicklung werden beeinträchtigt (Meinelt et al. 2016). Diese Auswirkungen der Flussversalzung hätten die K+S-Gutachter bei ihren jahrelang durchgeführten monatlichen Beprobungen feststellen müssen.

Demgegenüber hat die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie bei Elektrobefischungen eine fortlaufende Verschlechterung der festgestellt:

Die Werra bei Gerstungen mussten die TLUG-Mitarbeiter 2006 wie 2010 jeweils mit einer 5 („schlecht“) benoten. Während in Hörsel und Nesse auf 400 Metern je mehr als 2000 Fische gezählt wurden, waren es an der Werra auf 500 Metern 219 im Jahr 2006 und 117 im Jahr 2010. (…) Bei der Artenzusammensetzung gibt es ander Werra kaum Übereinstimmung mit dem Leitbild. „Die Werra ist im Abschnitt Eisenach bereits sehr stark von der Salzeinleitung auf dem Kalibergbau beeinflusst, was sich auch nachteilig auf die Fischfauna auswirkt“

Thüringer Landeszeitung 15.06.2011
Anzahl der Fische auf 100 FlussmeternAnzahl der Fische auf 100 FlussmeternAnzahl der Fische auf 100 Flussmetern
Nesse bzw. Hörsel 2010Werra 2006Werra 2010
> 5004423
Tabelle 1: Fischzählung in der Werra bzw. den zufließenden Bächen Nesse und Hörsel: Verschlechterung auf dem schlechtesten Niveau

Der schlechte Zustand der Werra beginnt mit der Salzbelastung durch die Abwässer der K+S AG

Auch andere Gutachter bestätigen die negativen Auswirkungen der K+S-Abwässer auf die Biozönose der Werra:

(…) bei den Parametern Artendichte, Abundanz, Biomasse und Erkrankungsrate (traten) deutliche Unterschiede auf. Die Werte für Artendichte, Abundanz und Biomasse sind in dem oberhalb der Einleitung gelegenen Werraabschnitt wesentlich höher als in den Bereichen der Einleitungsstrecke, (…) Die Erkrankungsraten sind im Bereich der Einleitungsstrecke wesentlich höher als im oberhalb gelegenen, nicht direkt von Kaliabwässern beeinflussten Werraabschnitt.“

U. Matthes, R. Werner, Niedersächsiches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Elektrobefischung von Abschnitten der Werra zwischen Breitungen und Creuzburg im Jahre 2009 – Bericht über den Fischbestand der Werra unter Berücksichtigung der Einleitung von Kaliabwässern, Juli 2010

Wie zu erwarten, findet der schlechte Zustand der Fischfauna in den salzbelasteten Abschnitten der Werra seine Entsprechung auch bei den Wirbellosen:

The results show that the drastic differences between the macroinvertebrate assemblages of the Werra upstream and downstream the salt contaminated sections are clearly caused by the salt load. The other kinds of chemical impacts are not responsible for the observed fundamental change within the composition of the benthic invertebrate assemblage. General degradation of stream morphology, indicated by macroinvertebrates, shows a good ecological status for the non-salt-contaminated part of the river and a bad status for the salt contaminated sites of the lower Werra.“

U. Braukmann (Universität Kassel, Fachbereich Gewässerökologie/Gewässerentwicklung), Dirk Böhme, (BWWU Büro für Wasserwirtschaft und Umwelt Leipzig), Salt pollution of the middle and lower sections of the river Werra (Germany) and its impact on benthic macroinvertebrates, Limnologica 41 (2011) 113–124

Damals „dynamische Verbesserung“, heute „unsanierbarer Fluss“: An den Widersprüchen kann man sie erkennen

Die K+S AG scheint von einem ganz anderen Fluss zu sprechen, wenn sie, ebenfalls 2010, ausführt:

Aktuelle Ergebnisse langjähriger Gewässeruntersuchungen bestätigen, dass sich die dynamische Verbesserung der ökologischen Bedingungen in Werra und Weser weiter fortsetzt.“

Pressemitteilung der K+S AG vom 2.10.2010

Der Widerspruch zwischen dem vorgefundenen schlechten ökologischen Zustand der Werra und den Ausführungen der Ministerin in der Drucksache 19/2338 klärt sich auf, wenn man feststellt, dass die Ministerin hier den Hausgutachter EcoRing der K+S AG zitiert. Dieses Unternehmen hatte zur Beurteilung der Fischeigiftigkeit den standardisierten Test nach DIN 38415-6 („Fischei-Test“) verwendet. Dieser Test ist Bestandteil der Abwasserverordnung und ist entwickelt worden, um die Auswirkung von Abwässern zum Zwecke der Abgabenhöhe grob zu ermitteln. Er ist sehr gut geeignet, um das Umweltrisiko eines Abwassers abzuschätzen, er ist aber aus methodischen Gründen nicht geeignet, „Effekte (…) zur Fischeigiftigkeit des Flusswassers“ feststellen zu können.

Die Untersuchung der K+S-Gutachter ist auch deshalb ungeeignet, weil sie auch noch von den festgelegten Standards des Tests abgewichen sind: Statt, wie vorgeschrieben, Verdünnungsreihen der Abwässer zu untersuchen, haben sie das Flusswasser verdünnt. Das ergibt weder methodisch noch in Hinblick auf die Fragestellung einen Sinn. Man kann vielmehr mit hoher Sicherheit erwarten, dass unter den gewählten Testbedingungen „keine Effekte“ beobachtet werden können. Die von der Ministerin zitierten „33 Untersuchungen“ und deren Ergebnisse sind für die angesprochene Fragegestellung unbrauchbar.

Mit geeignete Methoden zeigen sich schwerste Schädigungen der Fischbrut

Besser geeignete Methoden haben Mitarbeiter des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) angewendet, als sie die Effekte von unphysiologischen Ionenverhältnissen in Kaliabwässern auf die Reproduktion von Fischen untersucht haben. Sie kommen zu signifikant anderen Ergebnissen als der Hausgutachter der K+S AG:

  • Bei Positivkontrollen, die den im Jahre 2015 geltenden Grenzwerten für Chlorid, Kalium und Magnesium entsprachen, haben keine Embryonen überlebt
  • bei den 2020 geltenden Grenzwerten waren 61% der Embryonen deformiert; unter natürlichen Bedingungen haben derart deformierte Embryonen keine Überlebensmöglichkeit
  • ähnliche Ergebnisse waren bei den für 2025 vorgesehenen Grenzwerten zu beobachten: Mortalitätsrate über 20%, Deformationsrate bis 40%.
  • Abwässer der Kaliproduktion verursachen ab einem Gehalt von 2 ‰ im Flusswasser eine erhöhte Mortalität von Fischlarven. Das höchste toxische Potential haben dabei die Magnesium- und Kaliumionen.

Meinelt et al., IGB, Reproduktionstoxizität von Kaliabwässern bei Fischen, Fischer und Teichwirt 07/2016, S. 269

Meinelt et al., IGB, Effekte von Kaliabwässern auf die Reproduktion von Fischen, Zwischenbericht des Promotionsprojektes „Charakterisierung und Effekte von Kaliabwässern auf Fische“, 2020

Langzeituntersuchungen bestätigen die Ergebnisse

Noch gravierender sind die Effekte, wenn man sich den natürlichen Bedingungen weiter annähert, also nicht nur die Embryonalentwicklung untersucht, sondern den ganzen Reproduktionszyklus. Solche Studien sind ebenfalls von Mitarbeitern des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) angefertigt worden.

Ergebnisse:

  • adulte Tiere zeigten nach der sechswöchigen Behandlung mit Abwässern der Kaliindustrie Schädigungen der Kiemen und der Gonaden, insbesondere der Ovarien
  • die Reproduktion war bei geringerer Befruchtungsrate und erhöhter Deformations- und Koagulationsrate stark beeinträchtigt
  • die adulten Tiere der F1-Generation zeigten erhöhte Mortalität und Deformation
  • die Effekte der Magnesiumionen waren schwerwiegender als die der Kaliumionen

M. Wagler, Effekte von Salzimbalancen auf die Reproduktion von Fischen, Vortrag Fischartenschutztagung, Jena 2016

Th. Meinelt, IGB, Effekte von Salzimbalancen auf die Reproduktion von Fiischen, Vortrag Fischartenschutztagung, Jena 2016

K. Irob, IGB, Effekt von Kaliabwässern auf Fischgonaden, Vortrag Fischartenschutztagung, Jena 2016

L. Zschische et al., IGB, Effekte von Salzimbalancen auf die F1-Generation, Vortrag Fischartenschutztagung, Jena 2016