Das Erreichen des „guten ökologischen Zustands“ wird durch Genehmigungen erschwert, …

… ist aber immer noch möglich.

Wie die Anrainerländer von Werra und Weser mit ihrem Bewirtschaftungsplänen versuchen, die Flüsse zu „Opfergebieten außerhalb des Schutzregimes der Wasserrahmenrichtlinie“ zu machen, Teil 5

In den Untergrund verpresste Abwässer der K+S AG verursachen Salzwasseraustritte in der Werraaue bei Berka-Werra

Wir haben gesehen, dass die natürlichen Zuflüsse von Salzwässern aus Bächen und aus dem Untergrund immer so gering waren, dass die Werra nie ein „Salzwasserfluss“ gewesen ist. Die jetzt gemessenen hohen Salzrückflüsse resultieren fast ausschließlich aus verpressten Abwässern und versickerten Haldenlaugen. Dass die Laugenverpressung nach 2011 und bis 2021 weiter genehmigt worden ist, hat der Werra und dem Grundwasser schwer geschadet. Trotzdem ist es möglich, den „guten ökologischen Zustand“ als Ziel der Richtlinie 2000/60/EG noch zu erreichen. Das ist offenbar nicht gewünscht.

Der Bewirtschaftungsplan 2015-2021 geht in allen vorgeschlagenen Maßnahmeszenarien davon aus, dass der Rückgang der diffusen Einträge aus der Laugenverpressung sehr langsam erfolgt und dass frühestens ab dem Jahr 2021 eine Reduzierung von 100% auf 80% erfolgt. Auch diese Annahmen werden von den Messwerten nicht bestätigt. Der Gewässerkundler Prof. Braukmann (UNIK) hat schon 2007 festgestellt:

Das chemische Regenerationspotenzial der Werra und ihrer Aue mit den dortigen Grundwasser-Baggerseen ist wegen der leichten Löslichkeit der eingeleiteten Salze sehr hoch. Altlasten gibt es hier kaum, außer durch die diffusen Austritte aus dem Plattendolomit und die möglicherweise hierdurch verursachten längerfristigen Salzbelastungen. Allerdings ist damit zu rechnen, dass bei Einstellung der Versenkung der salzreichen Abwässer in den Plattendolomit dieKontamination der oberen Grundwasserhorizonte durch aufsteigendes Salz rasch zurückgehen wird. Insofern wäre mit einer zügigen Erholung der Werra und des angrenzenden Grundwassers in der Aue zu rechnen, wenn die derzeitigen immer noch extrem überhöhten Grenzwerte für alle ökologisch relevanten Salzkomponenten Chlorid, Natrium, vor allem aber Magnesium und Kalium, besser noch deren Einleitung, sofern keine Grenzwerte vorhanden sind, deutlich reduziert würden.

(U. Braukmann 2007, a.a.O.)

Die Salzrückflüsse aus dem Untergrund werden nach Einstellung der Laugenverpressung exponenziell abnehmen

Im Zeitraum 2008 bis 2009 hat das Werk Werra der K+S Kali GmbH wegen der Wirtschaftskrise die Produktion vorübergehend eingestellt und keine Abwässer in die Werra eingeleitet oder in den Untergrund verpresst. Dies entspricht dem Zustand, der lt. Bewirtschaftungsplan ab 2021 erreicht sein sollte: keine Laugenverpressung und keine Einleitung von Produktionsabwässern in die Werra.

In der Zeit der Betriebsstillegung von Dezember 2008 bis Oktober 2009 geht die Chloridkonzentration des Werrawassers am Pegel Gerstungen deshalb von bis zu 2.500 mg/Liter auf 600 bis 800 mg/Liter zurück. Die beobachtete Schwankung der Chloridkonzentration korreliert mit der schwankenden Durchflussmenge. Diese verbleibende Chloridkonzentration ergibt sich allein aus den diffusen Einträgen aus dem Untergrund sowie von Haldenlaugen in die Werra.

„Diffuse Chlorideinträge“ aus dem Untergrund in die Werra bei einer Betriebsunterbrechung 2008/2009

Während der Betriebsunterbrechung wurden also am Pegel Gerstungen Chloridkonzentrationen zwischen 600 und 800 mg/l gemessen. Sie sind gegenüber den historischen Werten von 25 bis 50 mg/L deutlich erhöht, weil der Untergrund als Folge der Laugenverpressung noch unter Druck steht und deshalb erhöhte Mengen von Salzwässern an die Oberfläche gepresst werden. Nach Einstellung der Laugenverpressung wird der hierdurch verursachte Anteil an diffusen Einträgen exponenziell abnehmen und sich schließlich wieder dem Normalwert nähern.

Bei fortlaufender Laugenverpressung steigen die Ckloridkonzentrationen dagegen drastisch an. Sie können bei geringer Wasserführung sogar den Grenzwert von 2.500 mg/L ausschöpfen (HLUG 2006).

Die Tatsache, dass der K+S AG die Fortsetzung der Laugenverpressung rechtswidrig noch bis Ende 2021 erlaubt worden ist, kann die Zielerreichung verzögern, dies stellt aber kein natürliches Hindernis dar. Sie kann auch nicht den Versuch rechtfertigen, die Werra als unsanierbares Gewässer vom Verbesserungsverbot der Richtlinie und vom Ziel des „guten ökologischen Zustands“ auszunehmen.

Auch die Haldenlaugen müssen nicht unkontrolliert versickern

Ein größeres Hindernis für die fristgerechte Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie sind die Haldenlaugen von den großen Rückstandshalden im Werra- und Fuldarevier. Ihre Menge soll sich bis zur Betriebseinstellung auf über 4 Mio. cbm/Jahr verdoppeln und sie sollen nicht durch Einstapeln in aufgelassene Bergwerke beseitigt werden. Die Einstapelung müsste dann auch mehr als 2000 Jahre fortgesetzt werden. Allein die Menge der Haldenlaugen macht es unmöglich, dass sich der ökologische Zustand der Werra zielgerecht verbessert. Aber auch die Haldenlaugen stellen kein natürliches Hindernis dar, weil ihr Eindringen in Grund- und Oberflächenwasser zu fast 100% verhindert werden kann.

Zunächst können die Rückstandshalden durch Beendigung des versatzlosen Bergbaus und durch Rückbau der Halden beseitigt werden. Bis zur Umsetzung dieser Maßnahme ist es möglich, die Haldenlaugen gewinnbringend aufzuarbeiten, wie die K-UTEC AG schon 2012 zeigen konnte:

H. Marx et al., Überlegungen zur abstoßreduzierten bzw. abstoßfreien Produktion von Salzen, Runder Tisch 18.09.2012, https://bit.ly/3bLceYL

P. Quicker, Entsorgung von Kaliabwässern durch Eindampfung – Evaluierung eines alternativen Entsorgungsszenarios für Kaliabwässer der K+S KALI GmbH. Gutachten 2013, https://bit.ly/3oaGTVg

Das gleiche trifft zu für denjenigen Anteil der Haldenlaugen, der in den Untergrund versickert. Diese müssten allerdings durch zusätzliche Pumpstellen aus dem Untergrund gefördert werden. Dem steht kein natürlicher Umstand entgegen.

Überwindbare Hindernisse

Der Gewässerökologe U. Braukmann (UNIK) hat 2011 darauf hingewiesen, dass der schlechte ökologische Zustand der Werra fast ausschließlich auf die Entsorgungstätigkeit der K+S AG zurückgeht. Erst dann, wenn die Möglichkeiten zur Reduzierung des Salzabstoßes der K+S AG ausgeschöpft sind, können andere Einflussfaktoren wirksam werden, die das Erreichen des „guten ökologischen Zustands“ als Ziel der Wasserrahmenrichtlinie behindern. Hier sind zu nennen der Eintrag von organischen und anorganischen Nährstoffen aus der Landwirtschaft und die Querverbauung der Werra, z.B. zum Zwecke der Stromgewinnung oder um durch Aufstauen den Austritt den Austritt von vormals verpressten Abwässern in die Aue zu vermindern.

Mineralische und organische Nährstoffe

Die EU-Kommission ist der Meinung, dass die Bundesrepublik gegen die EU-Wasserrahmenrichtlinie verstößt, weil sie zu wenig unternommen hat, um den Eintrag von landwirtschaftlichen Abwässern in das Grundwasser und die Oberflächengewässer zu vermindern. Sie hat ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik Deutschland eingeleitet:

Der Spiegel, 25.07.2019, Zu viel Nitrat im Grundwasser – Deutschland droht Strafe von 850.000 Euro – pro Tag, https://bit.ly/3Df96jK

Es ist deshalb damit zu rechnen, dass für die Abwässer der Landwirtschaft eine angemessene Lösung gefunden wird. Davon kann auch die Werra profitieren, wenn zuvor die Menge der K+S-Abwässer auf ein technisch machbares Maß vermindert wird.

Auch Gutachter der hessischen Landesanstalt für Umwelt und Geologie (HLUG) gehen davon aus, dass dann in der Werra der „gute ökologische Zustand“ erreicht werden kann. Allein durch eine abstoßfreie Kaliproduktion verbessert sich die Qualität der Werra um mehrere Stufen, die Gewässerqualität um drei (gut), hinsichtlich der Trophie und des ökologischen Zustands um eine Stufe (unbefriedigend). Die ohnehin zu erwartende Reduzierung des Nährstoffeintrags führt zu weiteren Verbesserungen. Dem Erreichen des „guten Zustands“ steht dann nur noch die Querverbauung der Werra im Wege, an der die K+S AG ebenfalls beteiligt ist:

HLUG 2007, Prognose zum ökologischen Zustand der Werra – mit und ohne Salzbelastung, https://bit.ly/3bMNFdN

M.Banning (HLUG) 2008, Ökologischer Zustand der Werra und Prognose zum ökologischen Zustand bei unterschiedlichen Maßnahmenszenarien, https://bit.ly/3qetFJG

Selbst die K+S-Hausgutachter halten die Werra für sanierbar

In einer Veröffentlichung in „Science“ hat sogar der K+S-Hausgutachter E.Corung die Ansicht vertreten, dass salzverseuchte Süßwasser-Ökosysteme saniert werden können:

Experiences like those near the river Werra in Germany, where a combination of total ion and ion-specific discharge requirements led to ecosystems recovery, show that rehabilitation of salt-polluted freshwater-ecosystems is possible.“

E. Coring et al., Science, 26. February 2016, Vol. 351 Issue 6276, „Saving freshwater from salts. Ion-specific standard are needed to protect biodiversity“