Die Werra ist kein „natürlicher Salzwasserfluss“

Wie die Anrainerländer von Werra und Weser mit ihrem Bewirtschaftungsplänen versuchen, die Flüsse zu „Opfergebieten außerhalb des Schutzregimes der Wasserrahmenrichtlinie“ zu machen, Teil 4

Bei Hochwasser überflutet die Werra weite Teile der Flussaue bei Witzenhausen. Die Versalzung des Grundwassers machte es erforderlich, neue Trinkwasservorkommen im Buntsandstein zu erschließen. Foto: W. Hölzel

Der Bewirtschaftungsplan 2015-2021 für Werra und Weser sieht vor, für den gesamten Verlauf des Flusses die Qualitätsziele der EU-WRRL herabzustufen. Für den Bereich der Mittleren Werra bis Philippsthal und darüber hinaus wird dies damit begründet, dass wegen der „natürlichen Gegebenheiten“ und wegen der „diffusen Eintritte von Salzwässern (…) aus der Versenkung“ das Qualitätsziel „guter ökologischer und chemischer Zustand“ nicht erreicht werden könne. Diese Annahme ist nachweislich falsch, …

… vielmehr sind die Schäden noch sanierbar und der „gute ökologische und chemische Zustand“ kann wieder erreicht werden. Auch die bündnisgrüne Umweltministerin Priska Hinz irrt in vollem Umfang, wenn sie auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke im Hessischen Landtag folgendermaßen antwortet:

Der gute ökologische Zustand in den Wasserkörpern der Werra ist bis zum Jahre 2027 selbst dann nicht zu erreichen, wenn die Kali-Produktion im Werra-Kali-Revier von heute an stillgelegt werden würde. Ursachen hierfür sind der natürliche Aufstieg salzhaltiger Grundwässer aus dem Plattendolomit (salzreiche Formationswässer) sowie die jahrzehntelange Versenkung von salzhaltigen Produktionsabwässern aus der Kali-Produktion (diffuse Einträge). Diese natürlichen Ursachen sowie die Folgen anthropogenen Handelns sind bei der Festlegung von Bewirtschaftungszielen zu berücksichtigen.“

Antwort der Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Hessischer Landtag, Drucksache 19/2338 zu der Kleinen Anfrage der Abg. Schott (DIE LINKE) vom 12.08.2015 „betreffend Salz-Grenzwerte für die Flussgebiete Werra und Weser und ihre Fischbrutgefährlichkeit“

Es gibt tatsächlich „natürliche Aufstiege salzhaltiger Grundwässer“ in die Werra. Diese sind aber so gering, dass die natürlichen Salzaufstiege der Zielerreichung nicht im Wege stehen können. Aus älteren Analysen des – bereits industriell beeinflussten – Werrawassers kann geschlossen werden, dass der natürliche Chloridgehalt der Werra im Oberlauf 25 mg/l und im Unterlauf 50 mg/l betragen hat (Hübner, 2007).

Die K+S AG hat die unzutreffenden Darstellung des Sachverhalts noch auf die Spitze getrieben. Bei einer Anhörung des Landtags NRW vom 19. November 2014 hat das K+S-Vorstandsmitglied Dr. Nöcker die Ansicht vertreten, die Werra sei ein natürlicher Salzwasserfluss:

Zumindest nach dem, was uns vorliegt, ist in der Werra auch dann, wenn wir nicht mehr einleiten und nicht mehr versenken, im Jahr 2027 und auf Dauer kein guter ökologischer Zustand zu erreichen. Der Grund dafür ist, dass die Werra schon immer salzbelastet war. Das kann man bei Tacitus nachlesen. (…) Dass es in der Werra vor dem Kalibergbau niemals Salz gab, ist also ein Irrglaube. Es ist geologisch schlicht nicht möglich, dass die Werra nach Einstellung der Versenkung und der Einleitung ein salzfreier Fluss wird.“

K+S-Vorstandsmitglied Nöcker im Landtag Nordrhein-Westfalen, Ausschussprotokoll APr. 16/733, 19.11.2014, S. 6

„Dass es in der Werra vor dem Kalibergbau niemals Salz gab“ ist nach unserer Kenntnis nie behauptet worden. Aber auch in historischer und in naturwissenschaftlicher Hinsicht irrt Herr Nöcker:

Deswegen setzen wir unseren eigenen Plan, den Dreistufenplan zur Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie, fort. Er geht natürlich davon aus, dass die Werra kein Salzwasserfluss ist, wie Herr Dr. Nöcker eben behauptet hat. Er hat sogar Tacitus zitiert. Tacitus ist doch derjenige, der geschrieben hat: Die Germanen jagen die Elche, indem sie die Bäume ansägen, an denen sich
die Elche abends anlehnen; wenn sie dann umgefallen sind, können sie nicht wieder aufstehen. – Insofern ist Tacitus als Eideshelfer für die Versalzung unbrauchbar. (…) Die Werra ist also kein natürlicher Salzwasserfluss. Es finden zwar Salzwassereinträge statt; das stimmt. Auch auf Witzenhäuser Stadtgebiet gibt es einen Bach, der 3.000 mg Chlorid pro Liter enthält. Diese Einträge sind aber letzten Endes unwesentlich. Sie machen den Fluss nicht zu einem Salzwasserfluss. Er war immer ein ganz normaler Süßwasserfluss.“

Antwort des WWA-Vorsitzenden Hölzel auf den Beitrag Nöcker, Lndtg. Nordrhein-Westfalen, Ausschussprotokoll APr. 16/733, S. 21

Tatsächlich muss der jetzige ökologische und chemische Zustand der Werra fast ausschließlich der Entsorgungspraxis des Kaliherstellers K+S zugeschrieben werden. Er setzt genau dort ein, wo die Einträge von Abwässern der K+S AG beginnen (Hübner 2007, Braukmann 2007, Braukmann 2011):

ParameterWerra bei Barchfeld (d.h. oberhalb der Salzeinleitung)Werra bei Gerstungen (d.h. unterhalb der Salzeinleitung)Belastung erhöht sich um den Faktor:
Leitfähigkeit μS/cm583768313
Chlorid mg/L38221158
Magnesium mg/L1422516
Kalium mg/L415238
Gesamthärte Grad dH13705
Zweite Werra-Weser-Anrainer Konferenz, Informationsveranstaltung zur Einleitung von Salzlaugen in die Werra, Gerstungen, 29. November 2007, Einzelbeitrag, Salzbelastung der Werra und ihrer Aue, Kurzfassung, Prof. Dr. Ulrich Braukmann, Universität Kassel https://bit.ly/30elYrR

G. Hübner, „Ökologisch-faunistische Fließgewässerbewertung am Beispiel der salzbelasteten unteren Werra und ausgewählter Zuflüsse“, Ökologie und Umweltsicherung 27/2007, Ss. 24 ff.

Die chemischen Daten schlagen sich auch im Zustand der Flora und Fauna der Werra nieder, sie sind für den schlechten ökologischen Zustand des Flusses verantwortlich:

Ein Vergleich der Taxazahl der in der Werra lebenden Taxa des Makrozoobenthos ergibt für die nicht salzige Referenzstrecke bei Barchfeld 74 Taxa, für die maximal salzbelastete bei Gerstungen lediglich 13 Taxa (18% der Referenzstrecke). In der nicht salzbelasteten Werra bei Barchfeld kommen 14 flusstypische Rote Liste-Arten vor, z.B.: Brachyptera braueri, eine in Deutschland vom Aussterben bedrohte Steinfliegenart, zahlreiche Larven der Köcherfliege Brachycentrus subnubilus und die Grundwanze Aphelocheirus aestivalis. In der salzbelasteten Werra dominiert mit Abstand Gammarus tigrinus, gefolgt von Potamopyrgus antipodarum, die übrigen Arten/Taxa kommen nur vereinzelt vor“.

Prof. Dr. Ulrich Braukmann, Universität Kassel, Zweite Werra-Weser-Anrainer Konferenz, Informationsveranstaltung zur Einleitung von Salzlaugen in die Werra, Gerstungen, 29. November 2007, Salzbelastung der Werra und ihrer Aue, Kurzfassung, S. 2+3, https://bit.ly/3CUq6eW

U. Braukmann, Dirk Böhme, „Salt pollution of the middle and lower sections of the river Werra (Germany) and its impact on benthicmacroinvertebrates“, Limnologica 41 (2011), 113-124

Im Gegensatz zu den Annahmen des Bewirtschaftungsplans 2015-2021 für Werra und Weser gibt es keine „natürlichen Gegebenheiten“, die das Erreichen der Qualitätsziele der EU-WRRL unmöglich machen. Die dort getroffene Herabstufung der Qualitätsziele der EU-WRRL lässt sich ökologisch und chemisch nicht begründen.

Der Bewirtschaftungsplan stellt die Tatsachen falsch dar, weil die Autoren des Vierphasenplans die Herabstufung der Werra zu einem nicht mehr sanierbaren, „erheblich veränderten Gewässer“ zu rechtfertigen versuchen:

Tatsächlich ist der schlechte Zustand von Werra und Weser noch sanierbar. Der Sandoz-Unfall am Rhein hat gezeigt, wie dynamisch Fluss-Ökosysteme sind. Innerhalb eines Jahres nach Einstellung der Salzeinleitung dürfte – wie im Rhein – auch in der Werra die Süßwasser-Biozönose wieder hergestellt sein. Problematisch sind lediglich die Rückflüsse von Salzwasser aus dem Untergrund („diffuse Einträge“) als Folge der Laugenverpressung und des Versickernlassens von Haldenlaugen. Auch diese Rückflüsse sind weder unvermeidlich noch natürlich und rechtfertigen keine Herabstufung der Flüsse. In der nächsten Folge werden wir näher darauf eingehen.