Informationskompetenz und die Versalzung von Werra und Weser

Fake News, Wissenschaftsklitterung und Gefälligkeitsgutachten: sie untergraben unsere Werte und erschüttern das Vertrauen in Institutionen, die eine Gesellschaft zusammenhalten (sollen). Der finnischen Regierung ist das Thema so wichtig, dass Informationskompetenz fächerübergreifend im Lehrplan der Schulen verankert ist.

von Walter Hölzel

Wissenschaftsklitterung (analog zur Geschichtsklitterung): der vorsätzliche Versuch, mit wissenschaftlich unlauteren Mitteln Wissenschaftlichkeit vorzutäuschen und/oder einen falschen Eindruck von Ergebnissen der Wissenschaft sowie deren Interpretation zu vermitteln.

„Da Demokratien weltweit durch den scheinbar unaufhaltbaren Ansturm von Desinformationen bedroht sind, nimmt Finnland das Thema sehr ernst und in den Schulunterricht auf. (..) Informationskompetenz ist fächerübergreifender Bestandteil eines Lehrplans.“ (1)

„So lernen (…) Schüler in Mathematik, wie leicht es ist, mit Statistiken zu lügen. Im Kunstunterricht erfahren sie, wie Bilder manipuliert werden. In Geschichte analysieren sie Propagandakampagnen und erfahren, wie Worte benutzt werden können, um zu verwirren und in die Irre zu führen. „Uns geht es um verantwortungsvolle Bürger und Wähler gleichermaßen, (…) die kritisch denken, Fakten deuten und sämtliche Informationen, die man – wo auch immer – erhält, hinterfragen.“

Sich Fake News zu widersetzen, wird in Finnland sogar als Frage der Zivilverteidigung betrachtet und ist deshalb eine Komponente des nationalen Sicherheitskonzepts. Bei der Abwehr von Fake News handele es sich „um eine koordinierte Anstrengung zur Bewusstseinsbildung, das ist so wichtig wie der Virenschutz auf Ihrem Computer. Zuerst ist dafür natürlich die Regierung zuständig, aber letztlich liegt es an jedem Einzelnen, die nötige geistige Software zu installieren.“, so Saara Jantunen aus dem Verteidigungsministerium, die zum Büro der Premierministerin abgeordnet wurde.

Das könnten wir in Deutschland auch gebrauchen. Am Beispiel der Versalzung von Werra und Weser durch die Abwässer der Kali-Industrie mussten wir mit ansehen, wie leicht sich deutsche Politiker verwirren lassen. Die Beantwortung wichtiger Fragen (2) haben sie gutgläubig und ausschließlich dem Verursacher der Schäden sowie deren Gutachtern überlassen.

Die Werra-Weser-Anrainerkonferenz hat seit 2008 die Aussagen zur Entsorgungspolitik der Kali-Industrie hinterfragt und sie ist dabei zu erstaunlichen Einsichten gekommen (3)(21). Wir konnten deshalb unsrere Erfahrungen an die Fridays for Future-Bewegung weitergeben (22)(26).

Endnoten

(1) Join Henley, „Wichtig wie Virenschutz. Finnland: Schon an den Grundschulen wird der Kampf gegen Fake News geführt.“, https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/regel-nr-1-kein-wikipedia

(2) z.B.: Gibt es tatsächlich keine technischen Möglichkeiten, den Abstoß von salzhaltigen Abwässern der Kali-Industrie zu vermeiden? Hat sich der biologische Zustand der Werra tatsächlich „dynamisch verbessert“? Usw.

(3) Schönrednerei und Vertuschung eines Skandals. Die Umweltministerinnen in Hessen und Thüringen und ihr Beitrag zur Werra-Weser-Versalzung. https://salzblog.org/2015/02/26/schoenrednerei-und-vertuschung-eines-skandals/

(4) Der provozierte „Entsorgungsnotstand in der Absatzkrise“. Das Unternehmen K+S hat sich mit seiner Entsorgungsstrategie in eine unhaltbare Situation gebracht, 26.02.2015, https://salzblog.org/2016/08/01/der-provozierte-entsorgungsnotstand-in-der-absatzkrise/

(5) Unvollständig, unbefriedigend und irreführend. Die Einlassungen des Regierungspräsidiums Kassel zu der Schwermetallbelastung des Grundwassers durch Haldenlaugen der K+S Kali GmbH, 10.10.2016, https://salzblog.org/2016/10/10/unvollstaendig-unbefriedigend-und-irrefuehrend/

(6) Manipulation durch Einflussnahme – Das Hessische Umweltministerium und seine Fachbehörden, 08.11.2016, https://salzblog.org/2016/11/08/manipulation-durch-einflussnahme-das-hessische-umweltministerium-und-seine-fachbehoerden/

(7) Das soll unbedingt vertuscht werden, 30.05.2017, https://salzblog.org/2017/05/30/das-soll-unbedingt-vertuscht-werden/

(8) Ist das schon alles? – Das K+S-Entsorgungsnarrativ und die Helfershelfer. Eine Festschrift zur Inbetriebnahme der Kainitkristallisa­tions- und Flotationsanlage der K+S Kali GmbH, 17.01.2018, https://salzblog.org/2018/01/17/ist-das-schon-alles-das-ks-entsorgungsnarrativ-und-die-helfershelfer/

(9) Ohne Speck auf Mäusefang – Der „Kasseler Umweltfrie­den“, 19.09.2018, https://salzblog.org/2018/09/19/ohne-speck-auf-maeusefang-der-kasseler-umweltfrieden/

(10) Aus Teufels Küche. Kann man mit falschen oder verfälschenden Mitteilungen Öffentlichkeit und Behörden beeinflussen? 06.01.2019, https://salzblog.org/2019/01/06/aus-teufels-kueche/

(11) Die Werra soll auf der Strecke bleiben – und die Weser auch, 18.03.2019, https://salzblog.org/2019/03/18/die-werra-soll-auf-der-strecke-bleiben-und-die-weser-auch/

(12) „Vertraut unseren Plänen, wir bauen auf Sand“ – Die paradoxe Kommunikation der K+S AG, https://salzblog.org/2019/05/06/vertraut-unseren-plaenen-wir-bauen-auf-sand/

(13) Wie geht man mit den Rückstandshalden der Kali-Industrie um? Ohne Versatz der Salzrückstände bleiben das Grundwasser und die Flüsse auf unabsehbare Zeit versalzen, 07.10.2019, https://salzblog.org/2019/10/07/wie-geht-man-mit-den-rueckstandshalden-der-kali-industrie-um/

(14) Die Aufhaldung von Rückständen der Kali-Industrie ist technisch und wirtschaftlich nicht erforderlich, der Rückbau der Halden ist wirtschaftlich zumutbar, 28.10.2019, https://salzblog.org/2019/10/28/die-aufhaldung-von-rueckstaenden-der-kali-industrie-ist-technisch-und-wirtschaftlich-nicht-erforderlich-ihr-rueckbau-ist-wirtschaftlich-zumutbar/

(15) Aktuell: „Kaliforschung im Dienste des Umweltschutzes“. Desinformation, Greenwashing, Alternative Fakten und Medienmanipulation, https://salzblog.org/2019/10/28/aktuell-kaliforschung-im-dienste-des-umweltschutzes/

(16) Hundert Jahre Werraversalzung und hundert Jahre Kaliforschung – warum sich die Qualität der betroffenen Gewässer trotzdem nicht verbessert. Teil I: Die K+S AG hat sich ein Verfahren zur Aufarbeitung der Haldenlaugen entwickeln lassen – wendet es aber nicht an, 04.11.2019, https://salzblog.org/2019/11/04/rueckbau-der-halden-und-aufarbeitung-der-haldenlaugen/

(17) Auf dem Silbertablett serviert – Die K+S AG lehnt ein Angebot der Stadtwerke Union Nordhessen und der General Electric Company ab, 02.12.2019, https://salzblog.org/2019/12/02/auf-dem-silbertablett-serviert-die-ks-ag-lehnt-ein-angebot-der-general-electric-corp-ab/

(18) Nach uns die Sintflut – Trinkwasser, Blei, Umwelthormone, die EU-Kommission und die Abwässer der K+S AG, 06.01.2020, https://salzblog.org/2020/01/06/trinkwasser-blei-umwelthormone-die-eu-kommission-und-die-abwaesser-der-ks-ag/

(19) Nach uns die Sintflut. Hinhaltende Maßnahmen – Der „Runde Tisch“ und Co., 20.01.2020, https://salzblog.org/2020/01/20/unterlaufen-der-eu-wasserrahmenrichtlinie-die-werra-als-stark-veraendertes-gewaesser/

(20) Nach uns die Sintflut – Die EU-Wasserrahmenrichtlinie wird unterlaufen, 27.01.2020, https://salzblog.org/2020/01/27/die-eu-wasserrahmenrichtlinie-wird-unterlaufen-die-werra-als-stark-veraendertes-gewaesser/

(21) Nach uns die Sintflut – Die Werra totreden, damit man nichts verbessern muss, 17.02.2020, https://salzblog.org/2020/02/17/der-gute-chemischenund-oekologische-zustand-der-werra-als-ziel-der-eu-wrrl-kann-noch-erreicht-werden/

(22) Es geht darum, Verwirrung und Chaos zu stiften. Desinformation – Greenwashing, Alternative Fakten und Medienmanipulation Teil I: Der Kampf gegen Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz, 21.09.2019, https://salzblog.org/2019/09/21/desinformation-greenwashing-alternative-fakten-und-medienmanipulation/

(23) Greenwashing. Desinformation – Greenwashing, Alternative Fakten und Medienmanipulation Teil II, 22.09.2019, https://salzblog.org/2019/09/22/desinformation-greenwashing-alternative-fakten-und-medienmanipulation-2/

(24) „Alternative Fakten“ – eine neue Qualität der Desinformation? Desinformation – Greenwashing, Alternative Fakten und Medienmanipulation Teil III, 23.09.2019, https://salzblog.org/2019/09/23/desinformation-greenwashing-alternative-fakten-und-medienmanipulation-3/

(25) Die Methoden des Greenwashing. Desinformation – Greenwashing, Alternative Fakten und Medienmanipulation Teil IV, 25.09.2019, https://salzblog.org/2019/09/25/desinformation-greenwashing-alternative-fakten-und-medienmanipiulation-teil-iv/

(26) Was können wir tun? Desinformation – Greenwashing, Alternative Fakten und Medienmanipulation Teil VI, 29.09.2019, https://salzblog.org/2019/09/29/desinformation-greenwashing-alternative-fakten-und-medienmanipiulation-teil-iv-3/

Der Angriff auf die Nichtregierungsorganisationen, Fortsetzung

Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer beteiligt sich an der Ausschaltung der Naturschutzorganisationen. Man darf gespannt sein, wie sich seine Koalitionspartner positionieren.

„Aus politikwissenschaftlicher Sicht lassen sich Nichtregierungsorganisationen definieren, als „feste Zusammenschlüsse unabhängiger gesellschaftlicher Kräfte, die ohne Gewinnabsicht gemeinwohlorientierte Ziele verfolgen, sich insbesondere für humanitäre und ökologische, dem Anspruch nach universelle Prinzipien einsetzen und versuchen, Einfluss auf Staaten und IGOs (International Governmental Organizations) auszuüben“ “ https://de.wikipedia.org/wiki/Nichtregierungsorganisation

von Walter Hölzel

Aktuell: Die GroKo will sich einen lang gehegten Wunsch erfüllen

10.03.2020. Die TAZ berichtet, dass die Spitzen der schwarz-roten Koalition das Planungs- und Genehmigungsverfahren im Verkehrs- und Digitalbereich beschleunigen wollen. „Der Koalitionsausschuss einigte sich in der Nacht zu Montag auf Maßnahmen, zu denen Änderungen im Artenschutzrecht und bei den Vorschriften zur Umweltverträglichkeit von Infrastrukturmaßnahmen gehören. Zudem heißt es in den beschlossenen Eckpunkten, die Einführung einer „rechtssicheren materiellen Präklusionswirkung“ für die Bereiche Schiene, Straße und Wasserstraße könne eine Beschleunigung von Genehmigungs- und Gerichtsverfahren bewirken.“

„Wir brauchen ein Entfesselungspaket“ zitiert die TAZ den NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet.

Due Deutsche Umwelthilfe kritisiert die Pläne der Bundesregierung: „Eine Wiedereinführung der sogenannten materiellen Präklusion wäre klar europarechtswidrig (…) Dies bedeute, dass Bürger und Verbände ihre rechtlichen Einwände nur noch zu Beginn eines Planungsverfahrens vorbringen dürften und nicht mehr im Laufe des Verfahrens. Verstöße gegen Naturschutzrecht würden aber oft erst im Laufe eines Planungsverfahrens bekannt werden.“

https://taz.de/Umwelthilfe-kritisiert-Regierung/!5670172/

Und nun weiter in unserem Text vom 09.03.2020:

Wir hatten berichtet, wie die Bundesregierung gegen Nichtregierungsorganisationen vorgeht: indem ihnen die Gemeinnützigkeit abgesprochen und damit die Finanzierung ihrer Arbeit erschwert wird sowie durch die Abschaffung des Verbandsklagerechts (1).

Auf der anderen Seite können deutsche Behörden und auch die EU-Kommission ohne Folgen Urteile des EuGH ignorieren (2) und die EU-Kommission kann beginnen, Umwelt-Richtlinien abzuwickeln (3), (4). Während den Lobbyisten der verschmutzenden Industrie die Türen in Berlin und Brüssel offen stehen (5), soll der Rechtsschutz in Umweltangelegenheiten für die Zivilgesellschaft eingeschränkt oder aufgehoben werden.

Auch Sachsen geht gegen Naturschutzverbände vor

In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau äussert sich Ministerpräsident Kretschmer über Mängel im Ausbau der Infrastruktur (6). Die Gründe sieht er nicht in der Konzeptionslosigkeit seiner Regierung oder in der Investitionspolitik der „Schwarzen Null“, sondern: „Das Problem sind untaugliche gesetzliche Regelungen. Die müssen jetzt schnell geändert werden.“

Zunächst unterstellt Herr Kretschmer „den Menschen“ kleinliche und egoistische Motive, die rechtlich nicht durchsetzbar sind. Deshalb, so Kretschmer, würde der Naturschutz durch „konstruierte Fakten“ benutzt, um „eindeutige Interessen des Gemeinwohls“ zu verletzen. Kretschmer sorgt sich sogar um den Naturschutz, denn er nimmt an, dass die Akzeptanz des Naturschutzes abnimmt, wenn tatsächlich Naturschutz betrieben wird. Lesen Sie selbst:

„Beim Bau von Windkraftanlagen fühlen sich Menschen gestört durch ihren Schlagschatten, ihren Lärm und ihre optischen Wirkung. Das Baugesetz gibt ihnen keine direkte Handhabe zur Verhinderung der Anlage. Also nehmen sie den Umweg über den Umweltschutz und zählen Käfer und Vögel. Die Bürger sollen nicht länger durch konstruierte Fakten ihr Anliegen verfolgen müssen. Naturschutz ist wichtig. Die Akzeptanz lässt aber deutlich nach, wenn Belange des Naturschutz für beinahe jede Verzögerung genannt werden und eindeutige Interessen des Gemeinwohls verletzt werden.“

Der unbefangene Leser könnte jetzt argwöhnen, dass der Ministerpräsident mit seinen Unterstellungen und Verallgemeinerungen der Grenze zur politischen Hetze gefährlich nahe gekommen ist. Ich würde sogar sagen, dass leicht darüber geurteilt werden kann, auf welcher Seite dieser Grenze sich Herr Kretzschmer aktuell befindet. Jedenfalls scheint es in seiner Gedankenwelt nicht vorzukommen, dass Bürger die rechtlichen Möglichheiten nutzen dürfen und dass es dafür gute Gründe geben könnte.

Kretschmer spricht ausdrücklich auch für seine Koalitionspartner

Eindeutig und klar ist Kretschmer auch bei der Beschreibung dessen, was seinen Zielen im Weg steht und was deshalb weg muss. Auch hier spart er nicht mit diffamierenden Unterstellungen:

„Das Verbandsklagerecht gibt Gruppen, die nicht unmittelbar betroffen sind und nicht einmal aus der Region stammen, die Möglichkeit, Projekte zu stoppen. Dieses Recht muss eingeschränkt werden. Wir haben in Sachsen in den Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen mehr direkte Demokratie vereinbart. Aber wir wollen keine Verbandsklagerechte in Sachsen. Betroffene sollen sich einbringen können – aber nicht jene, deren Geschäftsmodell darin besteht, dauernd zu klagen.“

Interessant ist, dass der Ministerpräsident hier auch seine Koalitionspartner von B’90/Die Grünen erwähnt. Wir haben dieser Partei mehrfach vorgeworfen, im Wahlkampf zwar ökologisch zu argumentieren, in den Koalitionsverhandlungen aber die Ökologie als bare Münze in Zahlung zu geben (7), (8).

Endnoten

(1) W.Hölzel/WWA, Overkill-Die Gier nimmt zu. Der Weg in die Interessen-Diktatur, 24.02.2020, https://salzblog.org/2020/02/24/die-interessen-diktatur/,

(2) W.Hölzel/WWA, Nach uns die Sintflut – Die EU-Wasserrahmenrichtlinie wird unterlaufen, 27.01.2020, https://salzblog.org/2020/01/27/die-eu-wasserrahmenrichtlinie-wird-unterlaufen-die-werra-als-stark-veraendertes-gewaesser/

(3) W.Hölzel/WWA, Revision der EU-Wasserrahmenrichtlinie – „Wunschliste des Grauens“ – Die EU-Kommission will die EU-Wasserrahmenrichtlinie einem „Fit­nesscheck“ unterziehen; bis Mitte 2020 soll über die Zukunft der Gewässer in den Mitgliedsstaaten entschieden werden. Anlass ist massiver Druck von In­dustrie und Landwirtschaft, 13.07.2019, https://salzblog.org/2019/07/13/revision-der-eu-wasserrahmenrichtlinie/

(4) W.Hölzel/WWA, Vorläufiges zu der Umweltpolitik der Europäischen Union – Gewässerschutz und Wirtschaftsinteresse, 07.08.2019, https://salzblog.org/2019/08/07/vorlaeufiges-zu-der-umweltpolitik-der-europaeischen-union/

(5) W.Hölzel/WWA, Ein Feldzug gegen die Umwelt, 01.05.2019, https://salzblog.org/2019/05/01/ein-feldzug-gegen-die-umwelt/

(6) https://www.fr.de/politik/unser-herz-gross-moeglichkeiten-begrenzt-13583637.html

(7) W.Hölzel/WWA, Manipulation durch Einflussnahme – Das Hessische Umweltministerium und seine Fachbehörden, 08.11.2016, https://salzblog.org/2016/11/08/manipulation-durch-einflussnahme-das-hessische-umweltministerium-und-seine-fachbehoerden/

(8) W.Hölzel/WWA, Schönrednerei und Vertuschung eines Skandals, 26.02.2015, https://salzblog.org/2015/02/26/schoenrednerei-und-vertuschung-eines-skandals/

Die Grundstoffindustrie ist besonders innovationsträge…

Am Beispiel des Kaliproduzenten K+S haben wir in den letzten Jahren gezeigt, wie wenig die Industrie geneigt ist, klimaeefizient zu produzieren oder Rohstoffvorräte und Umwelt durch Investitionen in moderne Technik zu schonen. Diese Innovationsträgheit der Unternehmen beklagen auch die großen Kapitalgeber wie Pensionsfonds, Investmenthäuser oder Lebensversicherer und sie üben deshalb zunehmend Druck auf Unternehmen aus. Die besonders rückständigen Unternehmen müssen inzwischen feststellen, dass sich Kapitalgeber aus ihren Aktien zurückziehen.

von Walter Hölzel

„Besonders investitionsscheu sind laut CDP die Unternehmen der Grundstoffindustrie, also etwa die Chemie-, Stahl-, Metall- und Zementbranche. Die untersuchten Konzerne stemmten 2019 insgesamt nur fünf Prozent der europäischen Investitionen in klimafreundliche Technologien. Sie waren aber für fast 40 Prozent der gesamten CO2-Emissionen verantwortlich.“, schreibt der Spiegel am 25.02.20120 (1).

„Um das Ziel der EU zu erreichen, bis 2050 klimaneutral zu werden, müssten die Ausgaben mehr als doppelt so hoch sein, rechnen die CDP-Strategen vor. Die Organisation befragt seit Jahren Unternehmen zu ihrer Klimastrategie. Hinter CDP stehen mehr als 500 institutionelle Investoren, die zusammen über 90.000 Milliarden Dollar verwalten. Inzwischen üben große Kapitalgeber – Pensionsfonds, Investmenthäuser oder Lebensversicherer – zunehmend Druck auf Unternehmen aus, ihr Geschäftsmodell in Einklang mit dem Klimaschutz zu bringen.“

„Dabei handeln die Geldgeber nicht zuletzt aus Sorge um ihre eigenen Finanzen. Sie befürchten, dass ihre Investitionen durch politische Kehrtwenden plötzlich an Wert verlieren könnten. Und sie erwarten Milliardenprofite bei der Umstellung der Wirtschafts- und Energiesysteme auf neue, CO2-arme Technologien.

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Innovationsträgheit vernichtet Arbeitsplätze und heizt den Klimawandel an

Eben diese Innovationsträgheit wirft die Werra-Weser-Anrainerkonferenz seit Jahren der K+S AG vor. Unser Ausgangspunkt war 2007 nicht der Klimaschutz, sondern die Vernichtung der Süßwasser-Biozönose in Werra und Weser sowie die Vernichtung von Trinkwasservorkommen im Werrarevier und im Uferfiltrat der Flüsse.

Schon 2012 hat sich aber herausgestellt, dass die Entsorgungspraxis des Unternehmens auch klimaschädlich ist. Die K-UTEC AG als Salztechnologie-Spezialistin hatte K+S vorgerechnet, dass mit ihren unzureichenden Aufbereitungsverfahren jahrlich ca. 500.000 Tonnen an Wertstoffen mit den Abwässern verloren gehen. Die vergeudeten Wertstoffe haben einen Wert von 250 Mio. Euro, ihre Rückgewinnung mit modernen Verfahren könnte einen Jahresgewinn von 100 Mio. Euro ermöglichen (2).

Um 500.000 Tonnen vergeudete Wertstoffe zu ersetzen, muss die K+S AG ca. 2 Mio. Tonnen Rohsalze abbauen, fördern und aufarbeiten. Dabei werden zusätzliche 1,5 Mio. Tonnen Abfälle erzeugt, die ebenfalls behandelt werden müssen. Dies alles belastet die Umwelt und die CO2-Bilanz des Unternehmens zusätzlich (3).

Schon diese knappe Rechnung zeigt, wie ineffizient die Verfahren in den Werken der K+S AG im Werratal sind. Um so überraschender war es, dass die K+S AG die Anregung der K-UTEC AG nicht aufgegriffen, sondern die Anwendung moderner Verfahren als „klimapolitisch unverantwortbar“ und wegen der „hohen Kosten“ als „wirtschaftlich unzumutbar“ abgelehnt hat.

Damals hatte die K+S AG aber bereits den Bau einer vergleichbaren Anlage bei der Veolia S.A. für das Legacy-Projekt in Kanada in Auftrag gegeben. In Kanada schien die Anlage nach Meinung des Unternehmens nicht klimaschädlich zu sein.

Es wurde sogar noch kurioser: 2018 hat K+S eine vergleichbare Anlage in Betrieb genommen, mit der ein Teil der Abwässer aufgearbeitet werden soll („KKF-Anlage“). Auch hier scheint der Klimaschutz keine Bedeutung zu haben. Die Anlage gewinnt wegen ihrer technischen Rückständigkeit nur die Hälfte der in den Abwässern enthaltenen Wertstoffe, deshalb ist der Energiebedarf pro Tonne Wertstoff doppelt so hoch wie bei der K+UTEC-Anlage für eine abstoßfreie Produktion. Von Klimaschutz kann man wohl auch hier nicht reden.

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K+S wehrt die Forderung nach umwelt- und klimaschonenden Aufbereitungsverfahren mit untauglichen Argumenten ab

Diese Behauptungen der K+S AG und ihrer Gutachter zur Abwehr des K-UTEC-Vorschlags waren auffällig unplausibel, sie waren nachgewiesen falsch und sie endeten blamabel: Anlässlich einer Anhörung im Umweltausschuss des Landtages NRW sagte der Energieexperte Prof. Dr. Ulrich Quicker (RWTH Aachen) (4):

„Wir kennen ja die Kostenschätzung von Herrn Marx (Vorstandsvorsitzender der K-UTEC AG, Anmerkung des Autors). Sie ist vom Umweltbundesamt inzwischen bestätigt worden. Ich halte die Kostenschätzung von K+S für absolut unrichtig. Sie ist bewusst erhöht. (…)“

„Lassen Sie mich ein Beispiel aus meinem Bereich, der Energietechnik, nennen. K+S hat in seiner Konzeption ein Kraftwerk angesetzt, und zwar meines Wissens ein GuD-Kraftwerk. Ich habe gerade noch einmal im Internet nachgeguckt. Dort gibt es schöne Tabellen zu den Kosten. Sie liegen pro Kilowatt elektrische Leistung deutlich unter 1000 €. K+S hat aber 3000 € angesetzt. das sind die Kosten für ein Atomkraftwerk. (…) Meines Erachtens ist die gesamte Kostenrechnung von K+S also bewusst um ungefähr den Faktor 3 hochgedreht worden.“

Ähnlich kritisch äusserte sich die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste. Sie hatte 2015 eine Expertise veröffentlicht, die sich mit den Plänen und dem Entsorgungskonzept der K+S AG befasst (5). Die Autoren beschäftigen sich auch mit der Expertise des Umweltbundesamtes (a.a.O., S. 106 ff.) zu den Vorschlägen der K-UTEC AG für eine abstoßfreie Kaliproduktion nim Werratal.

Das Umweltbundesamt (UBA) hatte 2014 den von der K-UTEC AG hierfür berechneten Energie- und Investionsaufwand bestätigt und Rechnungen der K+S AG als überhöht zurückgewiesen. Bezeichnenderweise hatte K+S in einer Presseinformation versucht, die Aussage der Expertise in ihr Gegenteil zu verwandeln (6). Das ist nicht unbemerkt geblieben:

„Dass K+S die Empfehlung der UBA-Stellungnahme begrüßt und sich in der Ablehnung einer Eindampfllösung als unrealistische Lösungsvariante bestätigt fühlt, ist an Dreistigkeit nur schwer zu überbieten, (…) Diese PM kann kaum anders als der Versuch verstanden werden, die Öffentlichkeit bewusst zu täuschen, da assoziiert wird, dass es nicht von der Firma zu verantwortende, quasi übergeordnete Gründe für diese Empfehlung gibt, (…) Zudem widerspricht die in dieser PM aufgestellte Behauptung, das Eindampfkonzept sei nicht realisierbar, der Einschätzung des UBA.“ (5, S. 112)

Klimakrise, Kalikrise: eine Krise der deutschen Politik

Wir haben hier noch einmal gesehen, dass und mit welchen Methoden sich die K+S AG gegen die Forderung nach modernen Abbau- und Aufbereitungsverfahren gewehrt hat. Damit ist das Unternehmen nicht alleine: „Manche Großunternehmen haben ihre bewährten Lieferketten und Geschäftsmodelle. Sie sehen (…) Veränderungen als riskant und hochdisruptiv an“, erklärt Steven Tebbe, Europa-Direktor von CDP, im Gespräch mit dem SPIEGEL. „Weitermachen wie bisher ist aber keine Option: Das sehen mehr und mehr Investoren.“ (1)

Bedauerlicherweise hat die deutsche Politik, allen voran die hessische Umweltministerin Priska Hinz (B’90/Die Grünen), das Unternehmen in seinen „Weiter so“-Politik unterstützt. Das scheint sich jetzt zu rächen, denn Investoren sind kritischer als deutsche Politiker.

Mitten in der Kali-Absatzkrise 2015 hatte der kanadische Konkurrent Western Potash der K+S AG ein Fusionsangebot gemacht. Um der Überproduktion entgegenzuwirken, sollte K+S sein Projekt in Kanada zunächst nicht weiter verfolgen und sich auf die Spezialprodukte der deutsche Gruben konzentrieren (7). Das hätte die Arbeitsplätze in Deutschland sichern können. Western Potash wollte ihrerseits die günstigen Gewinnungskosten ihrer Gruben in Kanada sowie die bewährten Absatzwege in die die USA und nach Asien zum gemeinsamen Nutzen beisteuern.

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Die Investoren laufen davon

Die K+S AG hatte das Abgebot abgelehnt und war dabei von Politik und Gewerkschaften unterstützt worden. Die Anleger verloren das Vertrauen in K+S und der Börsenwert des Unternehmen halbierte sich schlagartig. Jetzt, nicht einmal fünf Jahre später, ist K+S nur noch ein Viertel wert (8), (9), der Wert der Aktie liegt bei 7 Euro, Tendenz fallend. 2015 hatte Western Potash den Anlegern noch 40 Euro pro Aktie geboten.

Natürlich sind auch die niedrigen Kalipreise eine der Ursachen der jetzigen Krise. Vergleichbare Konkurrenten sind aber weniger betroffen als die K+S AG. K+S hat mit seine Engagement in Kanada (Legacy-Projekt) seine Liquidität eingeschränkt und gleichzeitig zu der Überproduktion an Kalidünger beigetragen. Jetzt reagiert das Unternehmen wieder defensiv, mit Kosteneinsparungen (sprich Abbau von Arbeitsplätzen) und dem Verkauf von Geschäftsteilen. Man sieht: nicht Investitionen in moderne Technik gefährden Arbeitsplätze, sondern eher das Beharren auf ehemals erfogreichen Geschäftsmodellen.

Ob Einsparungen ausreichend sind, um in der Kalikrise zu bestehen, muss man bezweifeln. Neue Kalivorkommen in Deutschland bieten die Möglichkeit, Gruben mit moderner und abstoßfreier Abbau- und Aufbereitungstechnik anzulegen (10). Deren niedrige Gestehungskosten sowie Klimaschutz-Argumente dürften der K+S AG bei ihren Werken im Werratal noch erhebliche Sorgen bereiten. Aktuell hat die Privatbank Berenberg die K+S-Aktie von „Hold“ auf „Sell“ abgestuft und das Kursziel von 10,00 auf 6,50 Euro gesenkt (11).

Endnoten

(1) „Kritik von Investoren. Europas Konzerne knausern bei klimafreundlichen Technologien. Europas Konzerne unternehmen nicht genug, um die im „Green Deal“ festgelegten EU-Klimaziele zu erreichen. Dabei drängt die Zeit.“ https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/europas-konzerne-kausern-bei-klimafreundlichen-technologien-a-06a7407c-7abd-40f8-85bb-cc45f01d9588

(2) W.Hölzel/WWA, „Auf dem Silbertablett serviert – Die K+S AG lehnt ein Angebot der Stadtwerke Union Nordhessen und der General Electric Company ab“, 02.12.2019 https://salzblog.org/2019/12/02/auf-dem-silbertablett-serviert-die-ks-ag-lehnt-ein-angebot-der-general-electric-corp-ab/

(3) W.Hölzel/WWA, „(Kein) Klimaschutz in der industriellen Produktion am Beispiel der Herstellung von Kalidünger – Ein Beitrag zur Klimaschutzwoche der Universität kassel, 25.11.2019, https://salzblog.org/2019/11/25/klimaschutz-durch-werraschutz/

(4) Landtag Nordrhein-Westfalen, Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt, Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, 34. Sitzung, 19.11.2014, Ausschussprotokoll APr 16/733, hier: Seite32

(5) W. Dormann, B. Lange, Die Entsorgung von Kaliindustrieabwässern in die Nordsee, Schriftenreihe der Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste e.V. (Hrsg.), 2015

(6) K+S AG, PM vom 15.09.2014

(7) Mit den „Spezialitäten“ sind genau diese Wertstoffe gemeint, von denen K+S jährlich 500.000 Tonnen mit den Abwässern verloren gehen und für deren Gewinnung die K-UTEC AG ein Verfahren entwickelt hatte.

8) https://www.ariva.de/news/aktie-von-ks-unter-druck-kurs-faellt-um-5-67-prozent-8199333

(9) https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/k+s-aktie-kursbewegung-25-02-2020-8389587

(10) W.Hölzel/WWA, 27.12.2019, „Der Kalimarkt verändert sich. Die weltweite Überproduktion von Kalidünger und die neu entdeckte Kaliressource in Thüringen – was wird aus K+S?“, https://salzblog.org/2019/12/27/der-kalimarkt-veraendert-sich/

(11) https://www.onvista.de/news/analyse-flash-berenberg-senkt-k+s-auf-sell-ziel-reduziert-auf-6-50-euro-332496133, 27.02.2020