Aktuell: Tote Rinder im Dankmarshäuser Rhäden – verhungert oder an Salzwasser gestorben?

Im Naturschutzgebiet „Wilde Weide“ in der Werraaue bei Dankmarshausen (Thüringen) sind verendete Heckrinder aus einer Herde aufgefunden worden, die dort aus Naturschutzgründen extensiv gehalten wird. Dem betreibenden Landwirt wird vorgeworfen, er habe die Tiere verhungern lassen. Die Herde sei zu stark angewachsen und die Nahrungsgrundlage auf der Weidefläche sei nicht mehr ausreichend (1), (2). Dem steht entgegen, dass ein starkes Anwachsen der Herde bei Nahrungsmangel kaum zu erwarten ist. Die dort ebenfalls extensiv gehaltene Herde Exmoore-Ponys ist offenbar nicht betroffen. Ungeprüft scheint zu sein, ob die Rinder durch zu Tage getretenes salzhaltiges Grundwasser zu Schaden gekommen sind.

von Walter Hölzel

Versenkbohrung der K+S AG Herda 11

Das Grundwasser des Kalireviers ist stark mit Salz belastet.

Es ist bekannt, dass das Grundwasser im Werrarevier stark mit Salz belastet ist. Als Gründe werden verpresste Abwässer der K+S AG sowie versickernde Haldenlaugen desselben Unternehmens genannt. 2008 bis 2016 waren versalzene Trinkwasserbrunnen der Gemeinde Gerstungen Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten (3).

Seit 1925 sind im Werrarevier mehr als eine Milliarde Kubikmeter Abwässer der Kali-Industrie in den Untergrund verpresst worden. Die Salzfracht dieser Abwässer beträgt 300 bis 350 Millionen Tonnen. Zusätzlich gelangen versickerte Haldenlaugen in den Untergrund, die auch zu einer Bleibelastung des Grundwassers geführt haben. In der Nähe einer K+S-Rückstandshalde haben Behörden in Thüringen 2016 deshalb die Entnahme von Grund- und Oberflächenwasser untersagt (4), (5), (6), (7), (8).

Die verpressten Abwässer haben im Zielhorizont, dem Plattendolomit, die dort natürlich vorhandenen Salzwässer verdrängt. Diese sind aufgestiegen und über die Grundwasser- und Trinkwasserstockwerke als „diffuse Einträge“ in die Werra gelangt. Nach einem Grundwassermonitoring geht man davon aus, dass sich nur noch ein Drittel der Abwässer im Plattendolomit befindet, der Rest versalzt das Grundwasser oder ist „nicht mehr nachweisbar“ (9).

Die Laugenverpressung ist „letzmalig“ bis Ende 2021 erlaubt worden; allerdings war die vorangegangene Erlaubnis auch schon „letztmalig“ und ist trotzdem von der hessischen Behörde verlängert worden.

Salzwasseraufstiegstellen unter Naturschutz

Die verpressten Abwässer stehen so unter Druck, dass sie an mehreren Stellen der Werraue zu Tage treten. 2012 sind bei Probebohrungen für einen Brückenbau zwischen Bad Salzungen und Barchfeld Salzwässer mit einem Überdruck von 0,4 bar aus den Bohrlöchern ausgetreten (10).

Salzwasser-Aufstiegstelle bei Berka/Werra (Winterbild)

In der Werraaue zwischen Dippach und Berka/Werra befindet sich in einem FFH-Gebiet eine „Salzwasseraufstiegstelle“, die inzwischen eine gewisse Medienberühmtheit erlangt hat. Auf ca. 2 Hektar ist dort die natürliche Flora vernichtet, stattdessen machen sich halophile Pflanzen breit, die man sonst nur von der Meeresküste kennt. Nach §12 Abs. 2 ThürNatG sind alle Handlungen verboten, die zu einer „Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung“ eines Naturschutzgebietes führen. Die Behörden sind allerdings nicht gegen den Verursacher vorgegangen, sondern haben ihrerseits die „Binnensalzstelle“ unter Naturschutz gestellt.

Abwässer als Schadensursache überprüfen

Gelegentlich wird fälschlich angenommen, die K+S-Abwässer seien nichts anderes als das Meerwasser, aus dem die Lagerstätte entstanden sei. Das trifft nicht zu. Durch den Verarbeitungsprozess hat sich die Zusammensetzung stark verändert. Die Abwässer unterscheiden sich insbesondere durch den hohen Gehalt an Magnesium und Kalium-Ionen von Meerwasser. Dies ist eine der Gründe dafür, dass eine Einleitung von K+S-Abwässern in die Nordsee („Nordseepipeline“) nicht genehmigungsfähig gewesen wäre (11).

Wie schon erwähnt, sind in der Abwasserfahne einer K+S-Rückstandshalde beträchtliche Schwermetallkonzentrationen gemessen worden; der Vorsorgewert für z.B. Blei ist wird dort um den Faktor 1000 überschritten. Auch die in den Abwässern enthaltenen Produktionshilfsstoffe, z.B. aus der ESTA-Anlage, könnten zum Schaden beigetragen haben. Dies sollte überprüft werden, bevor man einen Landwirt als Alleinschuldigen hinstellt.

Anmerkungen

(1) „Nabu-Beauftragter lässt Rinder in Naturschutzgebiet verhungern“ https://www.topagrar.com/panorama/news/nabu-beauftragter-landwirt-laesst-rinder-in-naturschutzgebiet-verhungern-11527337.html?fbclid=IwAR0zE0gvIsoAxVJjZaKoIUeeoJ4esHidvmhFVnWhitflYGVcVdMdvDKTJWc

(2) „Antworten des NABU zur Situation vor Ort“ https://thueringen.nabu.de/news/2019/26105.html

(3) U. Frank, A, Reitinger, „Verpressung von Salzabwasser der Kaliproduktion in saline Aquifere. Praktische Erfahrungen als Trinkwasserversorger mit der Untergrundspeicherung“, https://c.web.de/@309251227265269890/RJpRC878Sj2eVGwIXKS2hg

(4) Allgemeinverfügung des Thüringer Landesverwaltungsamts zur Einschränkung der Nutzung von Grundwasser in der Gemeinde Unterbreizbach, Wartburgkreis vom 22. Juli 2016

(5) Südthüringer Zeitung 09.09.2016

(6) Hessenschau vom 25.09.2016

7) https://rp-kassel.hessen.de/pressemitteilungen/hessisches-umweltministerium-und-regierungspr%C3%A4sidium-kassel-untersuchen-am-fu%C3%9Fe (inzwischen gelöscht)

(8) http://www.ardmediathek.de/tv/defacto/Giftige-Schwermetalle-im-Grundwasser-W/hr-fernsehen/Video?bcastId=3437388&documentId=37947064 (inzwischen gelöscht).

(9) Wenzel Mayer, HMULV, Abteilungsleiter Wasser und Boden, „Aktuelle Probleme der Versenkung von Salzabwässern in den Plattendolomit im hessischen Werra-Kali-Gebiet“, Folie 9: „Ein erheblicher Teil der versenkten Salzabwässer ist in den Buntsandstein übergetreten und teilweise auf diesem Weg auch als diffuser Eintrag in die Werra eingetragen worden. Bis zu 300 Mio. m³ Salzabwässer können im Buntsandstein eingelagert sein. Wo sich die Salzabwässer befinden ist unklar. Eine Beschränkung auf die Werra-Aue ist unwahrscheinlich.“ https://c.web.de/@309251227265269890/5Q1idwORSk205cjQXRi0fQ

(10) Südthüringer Zeitung vom 06.12.2012

(11) G. Gerdes, „Stellungnahme zum Antrag der Fraktion der CDU an den Landtag NRW, DRS 16/6135 vom 24.06.14: „Rohstoffgewinnung ist sinnvoller als der ‚Salzpipelinebau‘ zur Nordsee“, https://c.web.de/@309251227265269890/JR2Bm13RT2GekQY1i0inxA