Auf dem Silbertablett serviert – Die K+S AG lehnt ein Angebot der Stadtwerke Union Nordhessen und der General Electric Company ab

Hundert Jahre Werraversalzung und hundert Jahre Kaliforschung – Warum sich die Qualität der versalzenen Gewässer trotzdem nicht verbessert hat Teil IV.

von Walter Hölzel

Die K+S AG baut im Werra-Fuldarevier kaliumhaltige Salze ab und gewinnt daraus Kalidünger. Dreiviertel der geförderten Rohsalze werden als Abfälle an die Umwelt abgestoßen. Das hat zu einer großflächigen Versalzung des Grund- und Trinkwassers geführt sowie die Süßwasser-Lebensgemeinschaft in der Werra vernichtet und in der Weser schwer geschädigt. Von der Einleitstelle bis Bremen können die Anrainerkommunen kein Trinkwasser aus dem Uferfiltrat der Flüsse gewinnen.

Dieser Umweltkonflikt hat seinerseits einem Konflikt mit europäischen Richtlinien verursacht, welche die Anrainer vor der rücksichtslosen Inanspruchnahme der Gewässer z.B. als Abwasserrinnen schützen sollen. Wenn keine Lösungen gefunden und angewandet werden, mit denen sich die Richtlinien einhalten lassen, dann steht auch immer die Schließung der verschmutzenden Betriebe im Raum.

Die K+S AG lehnt es ab, in wirkungsvolle Technologien zu investieren

Wie wir wissen, hat die K-UTEC AG mehrere Verfahren für den Kalihersteller K+S entwickelt, mit denen sich die Umwelt- und Rechtskonflikte des Unternehmens vermeiden und eine zukunftsfähige Kali-Industrie im Werrarevier etablieren ließe. Wie wir weiter wissen, hat die K+S AG alle Vorschläge abgelehnt (1), (2).

Vom technisch-wirtschaftlichen Standpunkt ist die Ablehnung schwer verständlich. Die von K-UTEC entwickelte Aufbereitungsanlage könnte aus einem einzigen Jahresgewinn bezahlt werden und würde in der Folge den Jahresgewinn um 15 bis 20% steigern sowie alle Entsorgungsprobleme der K+S AG lösen. Die Energieeffizienz würde sich ebenso verbessern wie die Nachhaltigkeit der Produktion durch Gewinnung von Wertstoffen aus den Abwässern.

Aber ganz so einfach ist es leider doch nicht. Die K+S AG macht zwar hohe Gewinne, ist aber gleichzeitig mit rund 4 Mrd. US$ hoch verschuldet, größtenteils wegen des neuen Betriebs in Kanada.

Schon die bloße Nachricht, dass K+S eine große Aufbereitungsanlage zum Schutz der Gewässer baut, könnte eine hysterische Börse verunsichern und zu einem Kurssturz der ohnehin schwachen Aktie (3) führen. Damit wäre der Konzern ein idealer Kandidat für eine feindliche Übernahme. Der neue Besitzer würde zwar kaum auf die Spezialitäten aus dem Werrarevier verzichten wollen, eine Schließung der Betriebe wäre deshalb nicht zu befürchten. Allerdings müssten wohl große Teile des jetzigen Managements mit ihrer Entlassung rechnen. Dies könnte – neben einem drohenden Gesichtsverlust – einer der Gründe sein, warum sich das Management des Unternehmens allen Vorschlägen konsequent verschließt. Der Bau einer großen Aufbereitungsanlage wäre für die K+S AG also eine Herausforderung. Es musste deshalb nach Wegen gesucht werden, die Werke der K+S AG auf den Stand der Technik zu bringen, ohne dem Unternehmen wegen weiter zunehmender Verschuldung zusätzliche Schwierigkeiten zu bereiten. Nach einem solchen Weg hat auch die Stadtwerke Union Nordhessen gesucht.

SUN hat eine Idee

Die Stadtwerke Union Nordhessen (SUN) ist ein regionaler Energieversorger, der Wind- und Solarkraftwerke betreibt. Die SUN stand vor dem Problem, „Energiesenken“ für seine tregionale Strom-Überproduktion finden zu müssen. Gesucht waren deshalb (regionale) Stromabnehmer für diejenigen Zeiten, in denen zwar der Wind weht und die Sonne scheint, der erzeugte Strom aber wegen Überproduktion nicht oder nur mit Negativpreisen an der Strombörse abgesetzt werden kann (4, Folien 1 bis 9).

Ein Ingenieur der SUN hatte nun folgende Idee: könnte man die Überschussenergie nutzen, um mit Hilfe der K-UTEC-Vorschläge die Entsorgungsprobleme der K+S AG zu lösen? Eine erste Überschlagsrechnung ergab, dass die Überschüsse der SUN dazu ausreichen würden (4, Folien 10 bis 36).

Allerdings hatte K+S bekanntlich keinerlei Neigung gezeigt, eine Aufbereitungsanlage für die eigenen Abwässer zu bauen. Die Stadtwerke Union hielt es deshalb für besser, einen Investor für das Projekt zu interessieren, der die Anlagen bauen und die Aufbereitung der Abwässer als Dienstleistung anbieten konnte. Die K+S AG hätte dann nur noch die Aufgabe, die gewonnenen Wertstoffe zu vermarkten und die verbleibenden Reststoffe durch Versatz zu beseitigen (5).

Die Vorteile einer solchen Konstruktion für K+S liegen auf der Hand. Das Unternehmen müsste nicht 550 Mio. Euro investieren und damit die Börse beunruhigen, es könnte vielmehr mit den Wertstoffverkäufen und den Entsorgungskosten langfristig und sicher kalkulieren. Allerdings wären dann auch die zu erzielenden Gewinne geringer.

Die SUN hatte sich damals an die General Electric Comp. (GE) gewandt, die als globales Technologie-, Service- und Finanzunternehmen mit mehr als 300.000 Mitarbeitern über ausreichende Erfahrung und Wirtschaftskraft verfügt.

Ein kompetentes Konsortium

Wir hatten der Stadtwerke Union damals empfohlen, als weitere Experten die Ingenieure der K-UTEC AG und den Aachener Hochschullehrer Prof. Quicker mit ins Boot zu holen. Prof. Quicker hatte bereits das Energiekonzept der K-UTEC-Vorschläge begutachtet.

In dieser Zusammensetzung hat es Im Frühjahr 2014 mehrere Sitzungen gegeben. Die Mitarbeiter der General Electric Co. hatten keine Schwierigkeiten bei der Umsetzung einer Aufbereitungsanlage für K+S-Abwässer gesehen (7). Man habe bereits ausreichende Erfahrungen bei Entwicklung, Bau und Betrieb von Vakuumkristallisationsanlagen zur Wasserentsalzung.

K+S lehnt wieder ein Angebot ab

Die Partner haben sich auf eine der von K-UTEC vorgeschlagenen Aufbereitungsvarianten geeinigt und sind für die Detailplanung arbeitsteilig vorgegangen. Die Stadtwerke Union und Prof. Quicker haben die Detailplanung für die Dampferzeugung und die Energieströme übernommen. K-UTEC und GE haben das Konzept für die Entsalzung weiter ausgearbeitet sowie die Vollkosten für Investition, Betrieb (Personal, Wartung) und Verbrauchskosten (Hilfsstoffe und Energie) validiert.

Die Anlage würde ca. 300 neue Arbeitsplätze schaffen. Als Standort wurde eine Industriebrache der ehemaligen Kaligrube in Merkers vorgeschlagen, man hat aber auch dezentrale Lösungen in Betracht gezogen.

Auf der Basis der Beratungen hat die Stadtwerke Union Nordhessen Ende Mai 2014 der K+S AG ein Dienstleistungsangebot gemacht. K+S hat auch diesen Vorschlag abgelehnt.

Im (vorläufig?) letzten Teil der Reihe über die Ergebnislosigkeit der Kaliforschung im Werrarevier werden wir uns mit der Frage beschäftigen, wie sich K+S selbst die Lösung der eigenen Probleme vorgestellt hat. Besuchen Sie uns wieder.

Anhang

(1) Hundert Jahre Werraversalzung und hundert Jahre Kaliforschung – warum sich die Qualität der betroffenen Gewässer trotzdem nicht verbessert hat https://salzblog.org/2019/11/04/rueckbau-der-halden-und-aufarbeitung-der-haldenlaugen/

(2) Eine praktikable Lösung für die Entsorgungsprobleme des Kaliherstellers K+S war wohl nicht erwünscht https://salzblog.org/2019/11/14/die-probleme-des-kaliherstellers-ks-ungewuenscht-geloest/

(3) Die Ablehnung einer freundlichen Übernahme durch den kanadischen Konkurrenten Potash Corp. hatte 2015 den Börsenwert des Konzerns halbiert. Davon hat sich K+S bis heute nicht erholt.

(4) SUN, Energiewende Nordhessen, https://c.web.de/@309251227265269890/FAwoKuDXTgWCepP3qL0rxg

(5) https://c.web.de/@309251227265269890/L5MtKv9nQbSu_WkpSX_43A

(6) Siegenthaler et al., GE Power&Water, „Potash Evaporator and Crystallizer“, https://c.web.de/@309251227265269890/ysqDVAq3ROqfr4ggqacGeA