Der Kalimarkt verändert sich

Die weltweite Überproduktion an Kalidünger und die neu entdeckte Kaliressource in Thüringen – was wird aus K+S?

Aktualisiert 31.12.2019

von Walter Hölzel

In den Jahren 2007/2008 konnten die Erzeuger von Kalidüngemitteln stark steigende Kalipreise am Markt durchsetzen. Die Abnehmerländer reagierten mit Kaufboykotten bis hin zu Importstops und der Erschließung eigener Vorkommen. Die daraus folgende Überproduktion an Kalidünger führte ab 2015 zu einer Krise auf dem Kalimarkt. Immer wieder müssen Kaliproduzenten ihre Produktion drosseln und Umsatzeinbußen sowie schlechtere betriebswirtschaftliche Kennzahlen hinnehmen.

Auch in Thüringen, nicht sehr weit entfernt von den K+S-Kaligruben im Werratal, befinden sich noch unerschlossene Kalivorkommen. Die Davenport Resources Ltd. gibt bekannt, im Ohmgebirge einen Kalivorrat von 325 Mio. Tonnen mit einem Gehalt von 13,1 % K2O festgestellt zu haben. „Dieser Vorrat befindet sich in dem zu 100 % in Unternehmensbesitz befindlichen Bergwerkseigentum Ohmgebirge in der Südharz-Region„. Nach Unternehmensangaben können dort jährlich 1 Mio. Tonnen K2O produziert werden. Zum Vergleich: die Weltjahresproduktion beträgt etwa 40 Mio. Tonnen K2O.

Der Gesamtbestand der Ressource wird mit 5,3 Mrd. Tonnen mit einem durchschnittlichen K2O-Gehalt von 10,8 % angegeben. Sie ist damit die größte Kaliressource Westeuropas (1).

Das macht die Situation für den Kaliproduzenten K+S nicht besser. Zwar bietet sich für die K+S AG schon wegen der räunlichen Nähe eine Kooperation mit der Davenport Resources Ltd. zur Ausbeutung der Ressource an. Allerdings ist die K+S AG mit 4 Mrd. US$ bereits sehr hoch verschuldet. Allein 3 Mrd. € sind in dem bislang wenig glücklich scheinenden Engagement in Kanada gebunden.

Nach Unternehmensangaben soll nun „rasch Wert generiert werden, um die Verschuldung zu reduzieren“. Es geht es um die Kreditwürdigkeit: Eine Ratingagentur hat die Bonität des Unternehmens mit „BB-“ auf Ramschniveau herabgesetzt, wie finanzen.net mitteilt. Weiter:

„Im Schaufenster steht nun die Geschäftseinheit „America“, zu der die Akquisitionen von 2006 und 2009 gehören. Die Analysten der Privatbank M.M. Warburg schätzen den Wert der regionalen Einheit auf mehr als zwei Milliarden Euro. Zudem könnte K+S einen Minderheitseigner für das kanadische Kali- Werk suchen, das nach Unternehmensangaben mittlerweile fünf Milliarden Euro wert ist“

„Der Kurs hat seit Jahresanfang rund 30 Prozent eingebüßt, der Buchwert liegt etwa doppelt so hoch wie die Marktkapitalisierung. Das macht K+S zum Titel für spekulative Anleger.“ https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/euro-am-sonntag-aktien-check-k-s-aktie-kehrtwende-im-salzgeschaeft-8322344

Vielleicht wird das Unternehmen auch interessant für eine mehr oder weniger freundliche Übernahme.

Die finanzielle Lage des Unternehmens hat die K+S AG uns gegenüber auch als Grund dafür angegeben, nicht in moderne Aufbereitungsanlagen investieren zu können (2), (3). Wir halten es deshalb für zweifelhaft, dass die K+S AG als Kooperationspartner für die Ressource Ohmgebirge infrage kommen könnte.

Der Kalimarkt ändert sich. Künftig werden wohl nur diejenigen Produzenten am Markt bleiben, die kostengünstig produzieren können und die dabei wenig Schäden anrichten und Altlasten vermeiden. Kalidünger kann man auch ohne Umweltschäden bekommen.

Diese Chance wird man sich im Ohmgebirge kaum entgehen lassen. Die international tätige und erfolgreiche Salzspezialistin K-UTEC AG ist bereits mit im Boot. K+S hat es bisher abgelehnt, die K-UTEC-Vorschläge für eine abstoßfreie Produktion an der Werra umzusetzen.

Anmerkungen

(1) https://www.wallstreet-online.de/nachricht/12017120-dgap-news-davenport-resources-ltd-kalivorrat-325-mio-tonnen-beginn-machbarkeitsstudie-vorrat-ohmgebirge-325-mio-tonnen-13-1-k2o-deutsch

(2) https://salzblog.org/2019/11/25/klimaschutz-durch-werraschutz/

(3) https://salzblog.org/2019/12/02/auf-dem-silbertablett-serviert-die-ks-ag-lehnt-ein-angebot-der-general-electric-corp-ab/

Aktuell: Tote Rinder im Dankmarshäuser Rhäden – verhungert oder an Salzwasser gestorben?

Im Naturschutzgebiet „Wilde Weide“ in der Werraaue bei Dankmarshausen (Thüringen) sind verendete Heckrinder aus einer Herde aufgefunden worden, die dort aus Naturschutzgründen extensiv gehalten wird. Dem betreibenden Landwirt wird vorgeworfen, er habe die Tiere verhungern lassen. Die Herde sei zu stark angewachsen und die Nahrungsgrundlage auf der Weidefläche sei nicht mehr ausreichend (1), (2). Dem steht entgegen, dass ein starkes Anwachsen der Herde bei Nahrungsmangel kaum zu erwarten ist. Die dort ebenfalls extensiv gehaltene Herde Exmoore-Ponys ist offenbar nicht betroffen. Ungeprüft scheint zu sein, ob die Rinder durch zu Tage getretenes salzhaltiges Grundwasser zu Schaden gekommen sind.

von Walter Hölzel

Versenkbohrung der K+S AG Herda 11

Das Grundwasser des Kalireviers ist stark mit Salz belastet.

Es ist bekannt, dass das Grundwasser im Werrarevier stark mit Salz belastet ist. Als Gründe werden verpresste Abwässer der K+S AG sowie versickernde Haldenlaugen desselben Unternehmens genannt. 2008 bis 2016 waren versalzene Trinkwasserbrunnen der Gemeinde Gerstungen Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten (3).

Seit 1925 sind im Werrarevier mehr als eine Milliarde Kubikmeter Abwässer der Kali-Industrie in den Untergrund verpresst worden. Die Salzfracht dieser Abwässer beträgt 300 bis 350 Millionen Tonnen. Zusätzlich gelangen versickerte Haldenlaugen in den Untergrund, die auch zu einer Bleibelastung des Grundwassers geführt haben. In der Nähe einer K+S-Rückstandshalde haben Behörden in Thüringen 2016 deshalb die Entnahme von Grund- und Oberflächenwasser untersagt (4), (5), (6), (7), (8).

Die verpressten Abwässer haben im Zielhorizont, dem Plattendolomit, die dort natürlich vorhandenen Salzwässer verdrängt. Diese sind aufgestiegen und über die Grundwasser- und Trinkwasserstockwerke als „diffuse Einträge“ in die Werra gelangt. Nach einem Grundwassermonitoring geht man davon aus, dass sich nur noch ein Drittel der Abwässer im Plattendolomit befindet, der Rest versalzt das Grundwasser oder ist „nicht mehr nachweisbar“ (9).

Die Laugenverpressung ist „letzmalig“ bis Ende 2021 erlaubt worden; allerdings war die vorangegangene Erlaubnis auch schon „letztmalig“ und ist trotzdem von der hessischen Behörde verlängert worden.

Salzwasseraufstiegstellen unter Naturschutz

Die verpressten Abwässer stehen so unter Druck, dass sie an mehreren Stellen der Werraue zu Tage treten. 2012 sind bei Probebohrungen für einen Brückenbau zwischen Bad Salzungen und Barchfeld Salzwässer mit einem Überdruck von 0,4 bar aus den Bohrlöchern ausgetreten (10).

Salzwasser-Aufstiegstelle bei Berka/Werra (Winterbild)

In der Werraaue zwischen Dippach und Berka/Werra befindet sich in einem FFH-Gebiet eine „Salzwasseraufstiegstelle“, die inzwischen eine gewisse Medienberühmtheit erlangt hat. Auf ca. 2 Hektar ist dort die natürliche Flora vernichtet, stattdessen machen sich halophile Pflanzen breit, die man sonst nur von der Meeresküste kennt. Nach §12 Abs. 2 ThürNatG sind alle Handlungen verboten, die zu einer „Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung“ eines Naturschutzgebietes führen. Die Behörden sind allerdings nicht gegen den Verursacher vorgegangen, sondern haben ihrerseits die „Binnensalzstelle“ unter Naturschutz gestellt.

Abwässer als Schadensursache überprüfen

Gelegentlich wird fälschlich angenommen, die K+S-Abwässer seien nichts anderes als das Meerwasser, aus dem die Lagerstätte entstanden sei. Das trifft nicht zu. Durch den Verarbeitungsprozess hat sich die Zusammensetzung stark verändert. Die Abwässer unterscheiden sich insbesondere durch den hohen Gehalt an Magnesium und Kalium-Ionen von Meerwasser. Dies ist eine der Gründe dafür, dass eine Einleitung von K+S-Abwässern in die Nordsee („Nordseepipeline“) nicht genehmigungsfähig gewesen wäre (11).

Wie schon erwähnt, sind in der Abwasserfahne einer K+S-Rückstandshalde beträchtliche Schwermetallkonzentrationen gemessen worden; der Vorsorgewert für z.B. Blei ist wird dort um den Faktor 1000 überschritten. Auch die in den Abwässern enthaltenen Produktionshilfsstoffe, z.B. aus der ESTA-Anlage, könnten zum Schaden beigetragen haben. Dies sollte überprüft werden, bevor man einen Landwirt als Alleinschuldigen hinstellt.

Anmerkungen

(1) „Nabu-Beauftragter lässt Rinder in Naturschutzgebiet verhungern“ https://www.topagrar.com/panorama/news/nabu-beauftragter-landwirt-laesst-rinder-in-naturschutzgebiet-verhungern-11527337.html?fbclid=IwAR0zE0gvIsoAxVJjZaKoIUeeoJ4esHidvmhFVnWhitflYGVcVdMdvDKTJWc

(2) „Antworten des NABU zur Situation vor Ort“ https://thueringen.nabu.de/news/2019/26105.html

(3) U. Frank, A, Reitinger, „Verpressung von Salzabwasser der Kaliproduktion in saline Aquifere. Praktische Erfahrungen als Trinkwasserversorger mit der Untergrundspeicherung“, https://c.web.de/@309251227265269890/RJpRC878Sj2eVGwIXKS2hg

(4) Allgemeinverfügung des Thüringer Landesverwaltungsamts zur Einschränkung der Nutzung von Grundwasser in der Gemeinde Unterbreizbach, Wartburgkreis vom 22. Juli 2016

(5) Südthüringer Zeitung 09.09.2016

(6) Hessenschau vom 25.09.2016

7) https://rp-kassel.hessen.de/pressemitteilungen/hessisches-umweltministerium-und-regierungspr%C3%A4sidium-kassel-untersuchen-am-fu%C3%9Fe (inzwischen gelöscht)

(8) http://www.ardmediathek.de/tv/defacto/Giftige-Schwermetalle-im-Grundwasser-W/hr-fernsehen/Video?bcastId=3437388&documentId=37947064 (inzwischen gelöscht).

(9) Wenzel Mayer, HMULV, Abteilungsleiter Wasser und Boden, „Aktuelle Probleme der Versenkung von Salzabwässern in den Plattendolomit im hessischen Werra-Kali-Gebiet“, Folie 9: „Ein erheblicher Teil der versenkten Salzabwässer ist in den Buntsandstein übergetreten und teilweise auf diesem Weg auch als diffuser Eintrag in die Werra eingetragen worden. Bis zu 300 Mio. m³ Salzabwässer können im Buntsandstein eingelagert sein. Wo sich die Salzabwässer befinden ist unklar. Eine Beschränkung auf die Werra-Aue ist unwahrscheinlich.“ https://c.web.de/@309251227265269890/5Q1idwORSk205cjQXRi0fQ

(10) Südthüringer Zeitung vom 06.12.2012

(11) G. Gerdes, „Stellungnahme zum Antrag der Fraktion der CDU an den Landtag NRW, DRS 16/6135 vom 24.06.14: „Rohstoffgewinnung ist sinnvoller als der ‚Salzpipelinebau‘ zur Nordsee“, https://c.web.de/@309251227265269890/JR2Bm13RT2GekQY1i0inxA

Die Zauberlehrlinge aus Hessen oder: wie werde ich die Geister wieder los?

Wie aus einem alten Kalibergwerk zunächst eine „unbedeutende Abfallbeseitigungsanlage“ für Aschen und daraus mit zwei „wesentlichen“ Erweiterungen die weltweit größte Untertagedeponie für besonders überwachungsbedürftige Abfälle gezaubert worden ist – ohne Planfeststellung mit Öffentlichkeitsbeteiligung und ohne Umweltverträglichkeitsprüfung.

Ein Behördenstück in drei Zaubersprüchen

von Walter Hölzel

(…)
Walle! walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
in das Bergwerk sich ergieße.
(…)
Frei nach Goethes Zauberlehrling bzw. der Ballade
„Der Lügenfreund“ von Lukian von Samosata

I

Worum geht es? Um ein Zauberkunststück: Im hessischen Herfa-Neurode befindet sich die weltweit größte Untertagedeponie für „besonders überwachungsbedürftige Abfälle“. Der Betreiber wirbt europaweit für die Einlagerung von Abfällen, die wegen der Giftigkeit ihrer Inhaltsstoffe und/oder ihrer Reaktionsfähigkeit mit Wasser eine besondere Gefahr darstellen (1), (2), (3), (4), (5), (6), (7), (8).

Diese Untertagedeponie in Herfa-Neurode ist genehmigt worden, ohne dass ein Planfeststellungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung und Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt worden ist (9).

Wie konnte das geschehen? In einer Ausschusssitzung des Hessischen Landtags (10) ging es genau um diese Frage. Ein gewisser MinDirig Freund führte für die Landesregierung aus: ((10), S. 27):

„Entscheidend für die Genehmigung ist immer die Ausgangssituation zum Zeitpunkt der Antragstellung. Das fing in Herfa-Neurode ganz bescheiden an: 1972 ging es darum, 512 t Asche einzulagern. Das heißt, zum damaligen Zeitpunkt, bei der ersten Genehmigung, ging man davon aus, dass es eine unbedeutende Abfallbeseitigungsanlage ist. Deshalb hat man hier seinerzeit das Institut der Plangenehmigung genutzt.“

Die Genehmigungsbehörde bezog sich damals also auf §7Abs.(2) des Bundesabfallgesetzes vom 10.06.1972:

„(2) Anstelle eines Planfeststellungsverfahrens kann die zuständige Behörde für die Errichtung und den Betrieb unbedeutender Abfallbeseitigungsanlagen auf Antrag eine Genehmigung erteilen, wenn mit Einwendungen nicht zu rechnen ist.“

Die Behörden haben somit auf Antrag des Betreibers angenommen, dass hier eine unbedeutende Abfallbeseitigungsanlage eingerichtet werden sollte und dass keine Einwendungen gegen dieses Vorhaben zu erwarten seien.

Das war der erste Zauberspruch.

II

MinDir Freund führt weiter aus ((10), S. 27):

„Als es 1977 darum ging, diese Anlage auszubauen, war davon auszugehen, dass der Sachverhalt des § 7 Abs. 2 Bundesabfallbeseitigungsgesetz erfüllt war. Danach war seinerzeit eine Plangenehmigung zulässig, wenn eine Abfallbeseitigungsanlage wesentlich geändert wurde und mit Einwendungen nicht zu rechnen war. Das Oberbergamt hat damals festgestellt: Es gibt keine Einwendungen. – Deshalb wurde auch hier das Institut der Plangenehmigung gewählt.“

Und tatsächlich: das 1977 geltende Bundesabfallgesetz legt in §7 fest:

„(2) Die zuständige Behörde kann an Stelle eines Planfeststellungsverfahrens auf Antrag oder von Amts wegen ein Genehmigungsverfahren durchführen, wenn

  1. die Einrichtung und der Betrieb einer unbedeutenden Abfallentssorgungsanlage oder die wesentliche Änderung einer Abfallentsorgungsanlage oder ihres Betriebes beantragt wird oder
  2. mit Einwendungen nicht zu rechnen ist.

Auf die Formulierung „Errichtung und Betrieb einer unbedeutenden Abfallentsorgungsanlage“ konnte sich die Behörde damals allerdings nicht berufen, denn der oben zitierte §7 definiert die Begriffe folgendermaßen:

„(2) (…) Abfallentsorgungsanlagen, in denen Stoffe aus den in Haushaltungen anfallenden Abfällen oder aus gleichartigen Abfällen durch Sortieren für den Wirtschaftskreislauf zurückgewonnen werden, gelten als unbedeutende Anlagen; das gleiche gilt für Anlagen zur Kompostierung von Abfällen mit einer Durchsatzleistung von bis zu 0,75 Tonnen je Stunde.“

Eines ist klar: Kraftwerksaschen fallen weder in Haushalten an noch in Abfallsortierungsanlagen, sie werden auch nicht kompostiert; es handelt sich vielmehr um Industrieabfälle.Man kann deshalb auszuschließen, dass die 1972 beantragte Abfallbeseitigungsanlage für Kraftwerksaschen als „unbedeutende Abfallentsorgungsanlage“ ansehen durfte. Aber Hilfe war nahe, denn das Bundesabfallgesetz bot noch die Möglichkeit, bei wesentlichen Änderungen einer Abfallentsorgungsanlage“ auf ein aufwendiges Planfeststellungsverfahren zu verzichten. Hilfsweise konnte man noch unterstellen, dass mit Einwendungen gegen die „wesentliche Änderung“ nicht zu rechnen sei: „Das Oberbergamt hat damals festgestellt: Es gibt keine Einwendungen„. So geht das.

Das war der zweite Zauberspruch.

Damit war die Einlagerung von „besonders überwachungsbedürftigen Abfällen“ noch keineswegs gesichert, denn …

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Aktuell: Die K+S-Untertagedeponie Herfa-Neurode brennt schon wieder

In der Nacht zum 5. Dezember ist erneut ein Schwelbrand in der von der K+S AG betriebenen Untertagedeponie für besonders überwachungsbedürftige Abfälle in Herfa-Neurode ausgebrochen.

Symbolbild

von Walter Hölzel

Der Brand soll in einer Kammer ausgebrochen sein, in der Rauchgasrückstände eingelagert sind. Solche Stoffe können mit Wasser unter starker Hitzeentwicklung reagieren und dabei auch Wasserstoff bilden. Dieses Gas bildet mit Luft explosionsfähige Gemische. Die Rauchgasrückstände sind selbst nicht brennbar. Zu Bränden kann es nur kommen, wenn gleichzeitig Feuchtigkeit und brennbare Materialien mit eingebracht werden. Das könnten Paletten oder sonstige Abfälle sein.

Wassereinbrüche sind die größte Gefahr für Salzbergwerke mit eingelagerten chemotoxischen Stoffen. In der Schweiz dürfen Salzbergwerke deshalb zum Schutz der Bürger nicht in Abfalldeponien umgewandelt werden. Man geht dort davon aus, dass „jede Grube einmal absaufen wird“. Der Brand in der französischen Untertagedeponie Stockamine hat dazu geführt, dass auch umliegende Salzbergwerke geschlossen werden mussten. Der Eintrag von hochgiftigen Stoffen mit den Rauchgasen hat sie unbetretbar gemacht.

Schon im Dezember 2016 ist in der Untertagedeponie Herfa-Neurode ein Brand ausgebrochen, der erst im Januar 2017 als „gelöscht“ gemeldet worden ist. Es kann deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass es in diesem Grubenteil zu Wassereinbrüchen gekommen ist oder dass bei der Einlagerung der Rauchgasrückstände nicht mit der erforderlichen Sorgfalt vorgegangen worden ist.

Von der Untertagedeponie Herfa-Neurode gibt es durchgängige Verbindungen zu der Grube Springen II in Thüringen. Dieses Bergwerk musste geschlossen werden, weil dort Grundwasser eindringt. Dort hat K+S 2007 Abwässer der Salzhalde in Neuhof-Ellers „temporär“ eingelagert, die nach unseren Informationen bisher nicht wieder entfernt worden sind.

In Springen II sollen ab 2022 Produktionsabwässer der K+S AG eingestapelt werden. Damit könnte es das Unternehmen vermeiden, seine Abwässer aufzuarbeiten, und sie so der Biosphäre fernzuhalten.

Die Genehmigungsbehörde geht davon aus, dass in Katastrophenfall die Verbindung zu der Untertagedeponie rechtzeitig abgedichtet werden kann.

In unserem nächsten Blogpost werden wir uns mit der Frage beschäftigen, wie es gelingen konnte, die weltweit größte Untertagedeponie für besonders überwachungsbedürftige Abfälle in Herfa-Neurode ohne Planfeststellungsverfahren und ohne Umweltverträglichkeitsprüfung zu errichten.

Schwelbrand in Untertage-Deponie Herfa-Neurode 05.12.19 https://www.hna.de/lokales/rotenburg-bebra/heringen-ort56535/schwelbrand-in-untertage-deponie-herfa-neurode-13272947.html

Schwelbrand gelöscht: RP Kassel beschlagnahmt Giftmüll-Kammer 17.01.17 https://www.hersfelder-zeitung.de/lokales/philippsthal-heringen/heringen-ort56535/beschlagnahmt-giftmuell-kammer-berg-7300151.html

Auf dem Silbertablett serviert – Die K+S AG lehnt ein Angebot der Stadtwerke Union Nordhessen und der General Electric Company ab

Hundert Jahre Werraversalzung und hundert Jahre Kaliforschung – Warum sich die Qualität der versalzenen Gewässer trotzdem nicht verbessert hat Teil IV.

von Walter Hölzel

Die K+S AG baut im Werra-Fuldarevier kaliumhaltige Salze ab und gewinnt daraus Kalidünger. Dreiviertel der geförderten Rohsalze werden als Abfälle an die Umwelt abgestoßen. Das hat zu einer großflächigen Versalzung des Grund- und Trinkwassers geführt sowie die Süßwasser-Lebensgemeinschaft in der Werra vernichtet und in der Weser schwer geschädigt. Von der Einleitstelle bis Bremen können die Anrainerkommunen kein Trinkwasser aus dem Uferfiltrat der Flüsse gewinnen.

Dieser Umweltkonflikt hat seinerseits einem Konflikt mit europäischen Richtlinien verursacht, welche die Anrainer vor der rücksichtslosen Inanspruchnahme der Gewässer z.B. als Abwasserrinnen schützen sollen. Wenn keine Lösungen gefunden und angewandet werden, mit denen sich die Richtlinien einhalten lassen, dann steht auch immer die Schließung der verschmutzenden Betriebe im Raum.

Die K+S AG lehnt es ab, in wirkungsvolle Technologien zu investieren

Wie wir wissen, hat die K-UTEC AG mehrere Verfahren für den Kalihersteller K+S entwickelt, mit denen sich die Umwelt- und Rechtskonflikte des Unternehmens vermeiden und eine zukunftsfähige Kali-Industrie im Werrarevier etablieren ließe. Wie wir weiter wissen, hat die K+S AG alle Vorschläge abgelehnt (1), (2).

Vom technisch-wirtschaftlichen Standpunkt ist die Ablehnung schwer verständlich. Die von K-UTEC entwickelte Aufbereitungsanlage könnte aus einem einzigen Jahresgewinn bezahlt werden und würde in der Folge den Jahresgewinn um 15 bis 20% steigern sowie alle Entsorgungsprobleme der K+S AG lösen. Die Energieeffizienz würde sich ebenso verbessern wie die Nachhaltigkeit der Produktion durch Gewinnung von Wertstoffen aus den Abwässern.

Aber ganz so einfach ist es leider doch nicht. Die K+S AG macht zwar hohe Gewinne, ist aber gleichzeitig mit rund 4 Mrd. US$ hoch verschuldet, größtenteils wegen des neuen Betriebs in Kanada.

Schon die bloße Nachricht, dass K+S eine große Aufbereitungsanlage zum Schutz der Gewässer baut, könnte eine hysterische Börse verunsichern und zu einem Kurssturz der ohnehin schwachen Aktie (3) führen. Damit wäre der Konzern ein idealer Kandidat für eine feindliche Übernahme. Der neue Besitzer würde zwar kaum auf die Spezialitäten aus dem Werrarevier verzichten wollen, eine Schließung der Betriebe wäre deshalb nicht zu befürchten. Allerdings müssten wohl große Teile des jetzigen Managements mit ihrer Entlassung rechnen. Dies könnte – neben einem drohenden Gesichtsverlust – einer der Gründe sein, warum sich das Management des Unternehmens allen Vorschlägen konsequent verschließt. Der Bau einer großen Aufbereitungsanlage wäre für die K+S AG also eine Herausforderung. Es musste deshalb nach Wegen gesucht werden, die Werke der K+S AG auf den Stand der Technik zu bringen, ohne dem Unternehmen wegen weiter zunehmender Verschuldung zusätzliche Schwierigkeiten zu bereiten. Nach einem solchen Weg hat auch die Stadtwerke Union Nordhessen gesucht.

SUN hat eine Idee

Die Stadtwerke Union Nordhessen (SUN) ist ein regionaler Energieversorger, der Wind- und Solarkraftwerke betreibt. Die SUN stand vor dem Problem, „Energiesenken“ für seine tregionale Strom-Überproduktion finden zu müssen. Gesucht waren deshalb (regionale) Stromabnehmer für diejenigen Zeiten, in denen zwar der Wind weht und die Sonne scheint, der erzeugte Strom aber wegen Überproduktion nicht oder nur mit Negativpreisen an der Strombörse abgesetzt werden kann (4, Folien 1 bis 9).

Ein Ingenieur der SUN hatte nun folgende Idee: könnte man die Überschussenergie nutzen, um mit Hilfe der K-UTEC-Vorschläge die Entsorgungsprobleme der K+S AG zu lösen? Eine erste Überschlagsrechnung ergab, dass die Überschüsse der SUN dazu ausreichen würden (4, Folien 10 bis 36).

Allerdings hatte K+S bekanntlich keinerlei Neigung gezeigt, eine Aufbereitungsanlage für die eigenen Abwässer zu bauen. Die Stadtwerke Union hielt es deshalb für besser, einen Investor für das Projekt zu interessieren, der die Anlagen bauen und die Aufbereitung der Abwässer als Dienstleistung anbieten konnte. Die K+S AG hätte dann nur noch die Aufgabe, die gewonnenen Wertstoffe zu vermarkten und die verbleibenden Reststoffe durch Versatz zu beseitigen (5).

Die Vorteile einer solchen Konstruktion für K+S liegen auf der Hand. Das Unternehmen müsste nicht 550 Mio. Euro investieren und damit die Börse beunruhigen, es könnte vielmehr mit den Wertstoffverkäufen und den Entsorgungskosten langfristig und sicher kalkulieren. Allerdings wären dann auch die zu erzielenden Gewinne geringer.

Die SUN hatte sich damals an die General Electric Comp. (GE) gewandt, die als globales Technologie-, Service- und Finanzunternehmen mit mehr als 300.000 Mitarbeitern über ausreichende Erfahrung und Wirtschaftskraft verfügt.

Ein kompetentes Konsortium

Wir hatten der Stadtwerke Union damals empfohlen, als weitere Experten die Ingenieure der K-UTEC AG und den Aachener Hochschullehrer Prof. Quicker mit ins Boot zu holen. Prof. Quicker hatte bereits das Energiekonzept der K-UTEC-Vorschläge begutachtet.

In dieser Zusammensetzung hat es Im Frühjahr 2014 mehrere Sitzungen gegeben. Die Mitarbeiter der General Electric Co. hatten keine Schwierigkeiten bei der Umsetzung einer Aufbereitungsanlage für K+S-Abwässer gesehen (7). Man habe bereits ausreichende Erfahrungen bei Entwicklung, Bau und Betrieb von Vakuumkristallisationsanlagen zur Wasserentsalzung.

K+S lehnt wieder ein Angebot ab

Die Partner haben sich auf eine der von K-UTEC vorgeschlagenen Aufbereitungsvarianten geeinigt und sind für die Detailplanung arbeitsteilig vorgegangen. Die Stadtwerke Union und Prof. Quicker haben die Detailplanung für die Dampferzeugung und die Energieströme übernommen. K-UTEC und GE haben das Konzept für die Entsalzung weiter ausgearbeitet sowie die Vollkosten für Investition, Betrieb (Personal, Wartung) und Verbrauchskosten (Hilfsstoffe und Energie) validiert.

Die Anlage würde ca. 300 neue Arbeitsplätze schaffen. Als Standort wurde eine Industriebrache der ehemaligen Kaligrube in Merkers vorgeschlagen, man hat aber auch dezentrale Lösungen in Betracht gezogen.

Auf der Basis der Beratungen hat die Stadtwerke Union Nordhessen Ende Mai 2014 der K+S AG ein Dienstleistungsangebot gemacht. K+S hat auch diesen Vorschlag abgelehnt.

Im (vorläufig?) letzten Teil der Reihe über die Ergebnislosigkeit der Kaliforschung im Werrarevier werden wir uns mit der Frage beschäftigen, wie sich K+S selbst die Lösung der eigenen Probleme vorgestellt hat. Besuchen Sie uns wieder.

Anhang

(1) Hundert Jahre Werraversalzung und hundert Jahre Kaliforschung – warum sich die Qualität der betroffenen Gewässer trotzdem nicht verbessert hat https://salzblog.org/2019/11/04/rueckbau-der-halden-und-aufarbeitung-der-haldenlaugen/

(2) Eine praktikable Lösung für die Entsorgungsprobleme des Kaliherstellers K+S war wohl nicht erwünscht https://salzblog.org/2019/11/14/die-probleme-des-kaliherstellers-ks-ungewuenscht-geloest/

(3) Die Ablehnung einer freundlichen Übernahme durch den kanadischen Konkurrenten Potash Corp. hatte 2015 den Börsenwert des Konzerns halbiert. Davon hat sich K+S bis heute nicht erholt.

(4) SUN, Energiewende Nordhessen, https://c.web.de/@309251227265269890/FAwoKuDXTgWCepP3qL0rxg

(5) https://c.web.de/@309251227265269890/L5MtKv9nQbSu_WkpSX_43A

(6) Siegenthaler et al., GE Power&Water, „Potash Evaporator and Crystallizer“, https://c.web.de/@309251227265269890/ysqDVAq3ROqfr4ggqacGeA