Nach uns die Sintflut – Vom Lachsgewässer zum Abwasserkanal der Kali-Industrie

Nachhaltigkeit im Kalibergbau als Frage der Generationengerechtigkeit, Teil II

von Walter Hölzel

„Die Werra ist ein fisch- und schiffreicher Fluss in Teutschland“. Mit diesen Worten beschreibt das sechsbändige „Historisch und Geographische Allgemeine Lexikon“ aus dem Jahre 1742 die Werra. „Es heget der Fluss fast alle Gattungen von Fischen in sich“, heißt es auch noch 1789 (1). Was danach geschah, ist ein Sklandal erster Güte: unter den Augen der Behörden wird aus einem Lachsgewässer ein Abwasserkanal der Kali-Industrie. Der Skandal dauert an – die seit 2000 geltende EU-Wasserrahmenrichtlinie soll die europäischen Gewässer schützen, aber tatsächlich wird sie auf Werra und Weser nicht angewendet. Die EU-Kommission hat sich offenbar deutschen Wirtschaftsinteressen untergeordnet und scheint bei der Durchsetzung europäischen Rechts zu versagen.

Immer noch Krieg an der Werra

Der Fluss entspringt im Thüringer Wald auf 797 m ü.NN und vereinigt sich nach 300 km bei Hannoversch Münden auf 117 m ü.NN mit der Fulda zur Weser. Die Namen Werra und Weser haben den gleichen Ursprung: „Viseraha“, „fließendes Wasser“. https://de.wikipedia.org/wiki/Weser#Namensherkunft

Trotz verschiedener natürlicher Salzeinträge ist die Werra ein Süßwasserfluss. Die natürliche Chloridbelastung im Unterlauf lag bei 50 mg/l, im Oberlauf bei 25 mg/l. (2)

Im 19. Jahrhundert erlitt die Werra dann das Schicksal der meisten Flüsse: die zunehmende Industrialisierung hat auch den Fluss verändert. Er wurde wegen des Schiffverkehrs immer wieder vertieft und für die Mühlen aufgestaut. Mergelmühlen, Schneidemühlen, Porzellanmassemühlen, Wollwaschfabriken, Blaufarbenwerke, Färbereien, Gerbereien, Leimsiedereien, Leder- und Papierfabriken haben den Fluss nachteilig beeinflusst. Aber noch bis 1911 wurden Chloridwerte deutlich unter 200 mg/l gemessen.

Das änderte sich erst, nachdem die Kaliindustrie zunehmend ihre Abwässer über den Fluss entsorgte. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts erreichte die Salzbelastung mit Chloridwerten um 1.500 mg/l einen kritischen Wert. Im Jahre 1925 wurde das erste Fischsterben bei Hann.Münden beobachtet. Damals dürften aber auch die weiteren Belastungen durch Hausabwässer und industrielle Einleitungen noch mitbestimmend für den ökologische Zustand der Werra gewesen sein.

Die Werraversalzung erreichte einen weiteren Höhepunkt, als im Jahre 1942 als neue Grenzwerte 2.500 mg/l für Chlorid und eine Gesamthärte von 55 Grad dH genehmigt wurden. Diese Werte wurden offenbar selbst in Kriegszeiten als so extrem eingestuft, dass sie ausdrücklich nur für die Dauer des Krieges Bestand haben sollten:

„Aus den … vorgetragenen Gründen will ich meine grundsätzlichen Bedenken gegen eine vorübergehend stärkere Belastung der Weser und ihrer Zuflüsse mit Kaliabwässern zurückstellen… Ich setze dabei voraus, dass die … Maßnahmen…längstens für die Dauer des Krieges getroffen werden und nach Wiederkehr normaler Verhältnisse wieder aufgehoben werden.“ (3)

An der Werra scheint dagegen auch im Jahre 2020 der Krieg noch nicht beendet zu sein. Von „normalen Verhältnissen“ ist jedenfalls nicht die Rede, denn in der Nachkriegszeit stieg der Chloridgehalt – ungeachtet des geltenden Grenzwerts – zunächst auf über 6000 mg/l an. 1949 und 1953/1954 ereigneten sich weitere schwere Fischsterben in der unteren Werra. Seit damals wird nicht nur die periodische Massenvermehrung der Kieselalgen („Algenblüte“), sondern auch das Massenauftreten des Gemeinen Darmtangs Enteromorpha intestinalis beobachtet.

Abbildung 1: Massenauftreten von Enteromorpha intestinalis in der Werra bei Witzenhausen.
Copyright U. Braukmann

Mitten durch das hessische Kalirevier an der Werra verlief die deutsch-deutsche Grenze. Die Kalibetriebe auf der DDR-Seite waren ebenfalls an der Versalzung des Flusses beteiligt. Dort wurden zunächst die Kali-Endlaugen durch Verpressen in den Untergrund entsorgt. Dieser Entsorgungsweg geriet ab 1968 in die Krise, weil das Trinkwasser zu versalzen begann. Die Laugenversenkung musste vollständig eingestellt werden, die Abwässer wurden von nun an direkt in die Werra geleitet.

Die Werraversalzung stieg danach auf extreme Höhen. 1976 wurde in Eschwege ein Jahresmittelwert von über 11.000 mg Chlorid/l gemessen, Einzelwerte lagen bei bis zu 40.000 mg Chlorid/l. Die Katastrophe schien komplett zu sein.

Werra-Entsalzungsabkommen – eine vergebene Chance (4)

Nach dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten keimten neue Hoffnungen, die Versalzung der Flussgebietseinheit Weser beenden zu können. Im Jahre 1993 trat ein mit 146,5 Mio. € ausgestattetes Verwaltungsabkommen von Bund und Ländern über Maßnahmen zur Reduzierung der Werraversalzung in Kraft. Es sah vor, die kriegs- und krisenbedingten Grenzwerte von 1942 spätestens ab 1995 als Mindestanforderung wieder zu erreichen.

Die staatliche Förderung ist wohl angenommen worden, umgesetzt wurde das Verwaltungsabkommen von 1993 jedoch nur teilweise. Die Mindestanforderungen wurden erst mit fünfjähriger Verspätung im Jahre 2000 erreicht, eine weitere Verringerung der Laugeneinleitung jedoch nicht mehr angestrebt. Die zuständigen hessischen Genehmigungsbehörden hatten offenbar resigniert und in den folgenden Jahren durch Fortschreibung von Erlaubnissen das Verwaltungsabkommen aus dem Jahre 1993 faktisch unterlaufen.

Schlimmer noch: ab 2003 wurde die Situation der Werra wieder verschlechtert. Damals erteilten hessische und thüringische Behörden die Erlaubnis, die Wasserhärte in der Werra auf den extremen Wert von 90 Grad dH zu steigern und sie haben diesen Grenzwert im Jahre 2009 fortgeschrieben.

Und im Jahre 2006 beantragt der Verursacher der ökologischen Katastrophe in der Werra, auch die Abwässer aus einem nicht an der Werra gelegenen Werk in den Fluss einzuleiten. Ab Frühsommer 2007 werden die Abwässer aus dem Werk Neuhof/Ellers per LKW an die Werra transportiert und dort eingeleitet. Obwohl keine betriebsspezifische Genehmigung hierfür erteilt worden ist, schauen die Genehmigungsbehörden untätig zu. Nach einer Anzeige wegen unerlaubter Gewässerverschmutzung eröffnet die Staatsanwaltschaft in Kassel ein Ermittlungsverfahren, musste es aber auf Anweisung der Generalstaatsanwaltschaft Wiesbaden ruhen lassen. Es wurde später ganz eingestellt, nachdem die hessischen Behörden diese Art der zusätzlichen Gewässerverschmutzung durch eine Genehmigung legalisiert hatten. Die Menge der Abwässer aus dem Fuldarevier ist inzwischen auf ca. 700.000 cbm/Jahr angestiegen.

Die Anträge und Genehmigungen aus den Jahren 2006/2007 führten zu einem bisher nicht gekannten Widerstand gegen die Entsorgungspraktiken des Unternehmens K+S Kali GmbH. Eine erste Konferenz der Werra-Weser-Anrainer findet statt, die sich Klarheit über gesetzliche, naturwissenschaftlich/technische und ökologische Hintergründe der Werraversalzung verschaffen wollen. 2007 bildet sich aus der Anrainerkonferenz eine Klagegemeinschaft von Kommunen und Vereinen, die gegen die vom Regierungspräsidium Kassel erteilten Erlaubnisse klagen. Ende 2007 gründet sich der Verein „Werra-Weser-Anrainerkonferenz e.V.“, in dem Kommunen, Verbände und Vereine zusammengeschlossen sind.

Alle Wege führen in die Werra – die Entsorgungspraxis der K+S Kali GmbH

Bei der Aufarbeitung des Rohsalzes fallen Kali-Endlaugen an, die im wesentlichen Natriumchlorid enthalten. Wegen der an der Werra angewandten verlustreichen Aufbereitungsverfahren sind im Abwasser noch Wertstoffe wie Kalium- und Magnesiumsalze enthalten. Sie richten in der Werra erheblichen ökologischen Schaden an. Die Kaliumsalze tragen zur Überdüngung des Flusses und damit zur Algenblüte und zum Massenauftreten des Darmtangs bei. Der hohe Magnesiumgehalt führt zu einer extremen Wasserhärte in der Werra und dürfte hauptverantwortlich sein für die ökologische Katastrophe in der Werra.

Nach 2008 ist die Menge der in die Werra geleiteten Salzabwässer erheblich zurückgegangen, nicht jedoch die Menge der an die Umwelt abgestoßenen Salze. Sie gelangen alle in die Werra, wenn auch auf Umwegen und zeitverzögert. An der Vernichtung der Süßwasser-Biozönose in der Werra hat sich bis heute nichts geändert und es steht auch keine Verbesserung in Aussicht.

Die Kali-Endlaugen wurden je zur Hälfte direkt in die Werra geleitet und in den Untergrund verpresst. Damit sind die Laugen aber nicht aus der Welt: aus 500 m Tiefe gelangen die verpressten Abwässer über geologische Störstellen in die Grundwasserstockwerke und schließlich in die Vorfluter und in die Werra. Unter der Erde ist eine Salzwasserblase entstanden, deren Ausdehnung in der Fläche dem Bodensee entspricht.

Zum Schutz der letzten Trinkwasservorräte der Gemeinde Gerstungen in Thüringen musste die K+S Kali GmbH ihre Versenktätigkeit in Thüringen einstellen. Wenige Kilometer entfernt, auf der hessischen Seite der Werra, werden aber weiter Abwässer in den Untergrund geleitet. Ein von der hessischen Landesregierung angefordertes Rechtsgutachten aus dem Jahre 2008 hätte es den den Genehmigungsbehörden ermöglicht, auch in Hessen die Versenkgenehmigung sofort zu entziehen; aber so weit wollte man wohl nicht gehen. Die Versenkgenehmigung wurde 2012 „zum letzten Mal“ verlängert und 2015 erneut „zum letzten Mal“, diesmal bis 2021 erneuert.

Bei einem elektrostatischen Vorabtrennungsverfahren (ESTA-Verfahren) fallen trockene Rückstände an. Sie werden nicht etwa in die freigewordenen Hohlräume untertage versetzt. Dort hat die K+S Kali GmbH nämlich die Genehmigung, bergwerksfremde Abfälle zu einzubauen. Die eigenen Rückstände werden oberirdisch aufgehaldet und sind dort der Witterung ausgesetzt. Die K+S Kali GmbH betreibt in den Revieren an der Fulda und an der Werra drei Halden mit einer Gesamtmenge von etwa 600 Mio. to. Die Verdoppelung der Halden wirdl angestrebt, erste Haldenerweiterungen sind bereits genehmigt..

Da die Halden dem Regen ausgesetzt sind, fallen für die nächsten 700 bis 2.000 Jahren Haldenabwässer an. Sie werden zur Zeit teilweise aufgefangen und in die Werra geleitet. Es gelangen aber auch Haldenlaugen direkt in den Untergrund. Unterhalb der Halde in Heringen konnte der Spaziergänger Quellhorizonte beobachten, in deren Schüttung Salzgehalte von 20 bis 160 g/l gemessen worden sind.

Insgesamt kann man sagen, dass sowohl die Kali-Endlaugen als auch die trockenen Rückstände (über die Haldenlaugen) in die Werra gelangen. Die in den Untergrund verpressten Abwässer beeinflussen zusätzlich noch das Grundwasser und bedrohen das Trinkwasser in weitem Umkreis.

Die ökologische Katastrophe in der Werra könnte kaum vollständiger sein

Oberhalb der Einleitstelle findet man im Makrozoobenthos des Flusses noch 40 bis 60 Arten. Das ändert sich schlagartig:

In der nicht salzbelasteten Werra bei Barchfeld kommen 14 flusstypische Rote-Liste-Arten vor. In der salzbelasteten Werra dominiert mit Abstand Gammarus tigrinis, gefolgt von Potamopyrgus antipodarum, die übrigen Arten kommen nur vereinzelt vor. Der Vergleich mit dem faunistischen Leitbild am Beispiel der Mollusken und der Fische zeigt die drastischen Ausfälle in beiden Gruppen. Die Werra muss gemäß den Bewertungskriterien der WRRL anhand biologischer und chemischer Parameter in die Klasse 5 = schlechtest möglicher Zustand eingestuft werden. (5)

Abbildung 2: Gammarus tigrinus, der Hauptbewohner der Werra
Copyright U. Braukmann

So bleibt es auch bis zum Zusammenfluss mit der Fulda. Obwohl der Chloridgehalt auf 800-1.200 mg/l sinkt, ergibt die Beurteilung des ökologischen Zustands im Unterlauf der Werra mit dem Instrumentarium der EG-Wasserrahmenrichtlinie unverändert den schlechtest möglichen Zustand.

„Die Fische sind fitter als im Vorjahr“ – gutachterliche Euphorie des Verursachers

Zwar wollen von der K+S Kali GmbH beauftragte Gutachter im Herbst 2010, nach einem wasserreichen und damit für die Werra relativ salzarmen Sommer, neun verschiedene Jungfischarten im Unterlauf der Werra gefunden haben. In der öffentlichen Darstellung wurde aber vergessen zu erwähnen, dass es sich um äußerst genügsame Arten gehandelt hat, von denen einige sogar im Brackwasser der Ostsee vorkommen. Es wurde auch kein Nachweis darüber geführt, dass diese Jungfische, die möglicherweise mit den Zuflüssen in die Werra gelangt sind, auch tatsächlich in der Werra überleben und sich fortpflanzen können.

Im gleichen Zeitraum hat das Thüringische Landesamt für Umwelt und Geologie (TLUG) das Artenspektrum im thüringischen Teil der Werra erfasst. Es wird ein Zustand dokumentiert, der die Euphorie der K+S-Gutachter – milde gesprochen – unglaubwürdig erscheinen lässt:

Die Werra bei Gerstungen mussten die TLUG-Mitarbeiter 2006 wie 2010 jeweils mit einer 5 („schlecht“) benoten. Während in Hörsel und Nesse auf 400 Metern je mehr als 2000 Fische gezählt wurden, waren es an der Werra auf 500 Metern 219 im Jahr 2006 und 117 im Jahr 2010. (…) Bei der Artenzusammensetzung gibt es ander Werra kaum Übereinstimmung mit dem Leitbild. „Die Werra ist im Abschnitt Eisenach bereitssehr stark von der Salzeinleitung auf dem Kalibergbau beeinflusst, was sich auch nachteilig aufdie Fischfauna auswirkt“, heißt es im Fazit der TLUG (6).

Im Gegensatz zu den Gutachtern der K+S Kali GmbH stellt das TLUG also eine Verschlechterung auf schlechtestem Niveau fest. Trotzdem jubelte der Kalihersteller:

Aktuelle Ergebnisse langjähriger Gewässeruntersuchungen bestätigen, dass sich die dynamische Verbesserung der ökologischen Bedingungen in Werra und Weser weiter fortsetzt.“ (7)

Kein Wunder also, dass unabhängige Wissenschaftler den Ergebnissen der K+S-Gutachten mit deutlichen Worten widersprechen und die angewandten Methoden anzweifeln (8), (9).

Unterlaufen der EU-Wasserrahmenrichtlinie – die Werra als „stark veränderter Fluss“

Die EG-Wasserrahmenrichtlinie verlangt, dass bis zum Jahre 2015 die Oberflächengewässer den „guten ökologischen Zustand“ erreicht haben sollen, der sich nur geringfügig vom Naturzustand unterscheidet („Verbesserungsgebot“). Außerdem gilt ein Verschlechterungsverbot.

Bislang sind keine Anstrengungen des Kaliherstellers zu erkennen, mit denen dieses Ziel erreicht werden könnte. Im Gegenteil: man scheint die EU-WRRL unterlaufen zu wollen, indem man sich auf die aufhebenden Artikel 4(7) und 4(8) WRRL beruft. Leider scheinen die Genehmigungsbehörden auch dem widerstandslos folgen zu wollen. Schon im Jahre 2007 wurde die Werra in einem Verfahren „zur Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie“ als „stark verändertes Gewässer“ eingestuft. Dies vorausgesetzt, könnte vom Kalihersteller nicht mehr verlangt werden, den „guten ökologischen Zustand“ und damit das Qualitätsziel der EU-WRRL zu erreichen. Die K+S Kali GmbH (10) und ihre Gutachter (11) ihrerseits lassen nichts unversucht, um die Verantwortung des Kaliherstellers für die ökologische Situation in der Werra zu relativieren.

Der Sandoz-Unfall im Rhein und die Erholung des Flusses zeigen aber, wie dynamisch Fluss-Ökosysteme sind. Auch die Werra kann sich von der Nutzung als Abwasserrinne der Kali-Industrie erholen (12). Dazu ist es allerdings notwendig, die Entsorgungspraktiken der Kali-Industrie im Werratal zu ändern. Warum geschieht das nicht?

Kein technischer Fortschritt an der Werra?

Mit der immer wieder vorgetragenen Behauptung, es gebe keine technischen Möglichkeiten, den Anfall von flüssigen und festen Abfällen zu verhindern bzw. andere Entsorgungswege einzuschlagen, soll offenbar die frist- und zielgerechte Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie umgangen werden. Tatsächlich gibt es technisch und wirtschaftlich gangbare Möglichkeiten, den Abstoß von Salzen an die Umwelt gänzlich zu vermeiden (13), (14), (15). Damit wäre es möglich gewesen, bis zur letzten Umsetzungsfrist der EU-WRRL im Jahre 2027 den „guten ökologischen und chemischen Zustand“ und damit das Qualitätsziel der Richtlinie zu erreichen. Aber was soll tatsächlich geschehen?

Der „Vierphasenplan“ der Hessischen Landesregierung will den „schlechtest möglichen Zustand“ festschreiben (16)

Die Hessische Landesregierung hat in ihrem Vierphasenplan (2014) der K+S AG zugestanden, keine Maßnahmen ergreifen zu müssen, um das Qualitätsziel der EU-WRRL erreichen zu können. Dem Unternehmen ist zwar die Möglichkeit gegeben worden, seine Produktionsabwässer in aufgelassenen Bergwerken einstapeln zu können, gleichzeitig dürfen die Haldenlaugen aber weiterhin in den Fluss geleitet werden. Jetzt werden unverbindliche „Zielwerte“ für verschiedene Parameter in der Werra genannt. Sie sollen ab 2027 angestrebt werden und für unbestimmte Zeit gelten. Diese „Zielwerte“ ermöglichen es nicht, den schlechten Qualitätszustand des Flusses auch nur geringfügig zu verbessern:

Die „Zielwerte“ für die Werra und das Qualitätsziel der EU-WRRL:

Zielwert“ ab 2027Maximalwert für den
„guten ökologischen Zustand“
Chlorid mg/Liter 1.170deutlich weniger als 100
Magnesium mg/Liter 340 deutlich weniger als 60
Kalium mg/LIter 200 deutlich weniger als 40

Mit der Abkehr von den Qualitätszielen wird die EU-WRRL de facto außer Kraft gesetzt. Das wäre rechtlich nur möglich, wenn man davon ausgehen könnte, dass die Werra so weit denaturiert ist, dass sich ihr Zustand technisch nicht mehr verbessern lässt. Wir werden in einem der nächsten Blogposts nachweisen, dass diese Annahme nicht zutrifft.

Fortsetzung folgt …

Endnoten

(1) U.D. Oppitz, Allendorf an der Werra 1789, Hessische Ortsbeschreibungen 13, S. 120. Die Hinweise 1 und 2 verdanke ich Joachim Tappe, ehem. Stadtrat in Witzenhausen

(2) Die folgenden Darstellungen zur geschichtlichen Entwicklung der Salzbelastung in der Werra finden sich in: Gerd Hübner, Ökologisch-faunistische Fliessgewässerbewertung am Beispiel der salzbelasteten unteren Werra und ausgewählter Zuflüsse, Kassel 2007, S. 24 ff.

(3) Schreiben des Generaldirektors für Wasser und Energie in Berlin an das Regierungspräsidium Kassel vom 26.07.1943

(3) Die folgenden Ausführungen finden sich in: P. Arnold, Stellungnahme (…) zur am 15. März 2007 in Kassel stattfindenden Anhörung der Umweltausschüsse (…) Ausschussvorlage ULA/16/52 vom 13.03.2007

(5) U. Braukmann (Universität Kassel), „Die Salzbelastung der Werra und ihrer Aue“, Vortrag, 2. Werra-Weser-Anrainerkonferenz, November 2007, https://ia601503.us.archive.org/6/items/kurzfassungbraukmanndruck/Kurzfassung%20Braukmann-Druck.pdf

(6) Thüringer Landeszeitung 15.06.2011

(7) Pressemitteilung der K+S AG vom 12.10.2010

(8) U. Braukmann (Universität Kassel), „Salzbelastung der Werra“, Vortrag, 3. Anrainerkonferenz Bremen 17.11.2007

(9) F. Wagner, J. Arle, Institut für Gewässerökologie und Fischereibiologie Jena, „Der ökologische Zustand der Mittleren und Unteren Werra und seine Haupteinflussfaktoren“, Gutachten, April 2009

(10) z.B. Pressemitteilung der K+S vom 12.10.2010

(11) z.B. in einem Interview mit dem Hessischen Fernsehen, ausgestrahlt am 29.11.2007

(12) U. Braukmann, (Universität Kassel), „Ökologische Auswirkung der Salzbelastung in der Werra“, Vortrag, 1. Anrainerkonferenz, Witzenhausen 22.03.2007

(13) W.Hölzel/WWA, (Kein) Klimaschutz in der industriellen Produktion am Beispiel der Herstellung von Kaliumsulfat, 25.11.2019, https://salzblog.org/2019/11/25/klimaschutz-durch-werraschutz/

(14) W.Hölzel/WWA, Auf dem Silbertablett serviert – Die K+S AG lehnt ein Angebot der Stadtwerke Union Nordhessen und der General Electric Company ab https://salzblog.org/2019/12/02/auf-dem-silbertablett-serviert-die-ks-ag-lehnt-ein-angebot-der-general-electric-corp-ab/

(15) W. Hölzel/WWA, Eine praktikable Lösung für die Entsorgungsprobleme des Kaliherstellers K+S war wohl nicht erwünscht, https://salzblog.org/2019/11/14/die-probleme-des-kaliherstellers-ks-ungewuenscht-geloest/, 14.11.2019

(16) W.Hölzel/WWA, Die Werra trägt Schwarz, https://salzblog.org/2019/11/18/die-hessische-umweltministerin-lobt-sich-selbst-und-vergisst-die-werra/, 18.11.2019

Nach uns die Sintflut – Trinkwasser, Blei, Umwelthormone, die EU-Kommission und die Abwässer der K+S AG

Nachhaltigkeit im Kalibergbau als Frage der Generationengerechtigkeit, Teil I

von Walter Hölzel

Von Nachhaltigkeit spricht man, wenn einem System nicht mehr Ressourcen entnommen werden, als dort auf natürliche Weise wieder nachwachsen. Das geläufige Beispiel ist die Forstwirtschaft, wo der Begriff der Nachhaltigkeit entwickelt worden ist. Diese Art von Nachhaltigkeit ist im Kalibergbau naturgemäß nicht möglich.

Entscheidend ist, wie man das System definiert, dessen Nachhaltigkeit man beurteilen möchte. So kann es für ein Wirtschaftsunternehmen – kurzfristig und isoliert betrachtet – durchaus „nachhaltig“ erscheinen, eine Lagerstätte mit ineffektiven Methoden und unter Energieverschwendung auszubeuten und dabei Ewigkeitslasten und Umweltschäden zu hinterlassen. So könnte sich ein Unternehmen die Möglichkeit verschaffen, „neue“ Ressourcen zu erschließen, mit denen es sein Geschäftsmodell an anderer Stelle fortsetzen kann. „Nachhaltigkeit“ bezieht sich dann auf kurzfristige Gewinnmaximierung. Die Unternehmen hüten sich jedoch, dies in ihren Nachhaltigkeitsberichten zum Ausdruck zu bringen.

Wenn man aber die Verantwortlichkeit weiter fasst und auf längere Zeiträume ausdehnt, dann ergeben sich ganz andere Prioritäten als die kurzfristige Gewinnmaximierung. Dazu kann es hilfreich sein, den Begriff der „Nachhaltigkeit“ durch „Generationengerechtigkeit“ zu ersetzen (1), (2), (3).

Es lassen sich jetzt konkrete Fragen formulieren, etwa zu dem Umgang mit einer Lagerstätte und mit den bei Abbau und Aufarbeitung betroffenen (Öko)Systemen:

  • Mit welchen Abbau- und Aufbereitungsverfahren kann man die Lagerstätte mit möglichst geringen Verlusten an Wertstoffen und Energie ausbeuten?
  • Wie kann man Ewigkeitslasten wie dieTrinkwasservernichtung, die Zerstörung von Ökosystemen und oberirdische Rückstandshalden vermeiden?
  • Wie kann man vermeiden, dass nach der Ausbeutung der Lagerstätte unkalkulierbare Schäden durch Bergsenkungen entstehen?
  • Ist es verantwortbar, in Salzbergwerken, die immer von Wassereinbrüchen bedroht sind, hochgiftige Abfälle einzulagern?
  • …..

Diese Fragen müssen auch dann gestellt werden, wenn ein Unternehmen lediglich ineffektiv arbeitet und den Eindruck zu erwecken versucht, die Arbeitsplätze könnten nur erhalten bleiben, wenn Ökosysteme rücksichtslos zur Verklappung der Abfälle in Anspruch genommen werden.

Die Fragen sind auch dann zu stellen, wenn Unternehmen einen so hohen Anteil der Gewinne entnehmen und an die Anteilseigner ausgeschütten, dass sich das Unternehmen überschuldet und die Fähigkeit verliert, durch Investitionen in moderne Technik seine Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Schlechtes Arbeiten und Raubbau rechtfertigen keine Umweltzerstörung.

Welche Art der Nachhaltigkeit nimmt die K+S AG für sich in Anspruch?

Auch der Kalihersteller K+S bekennt sich zu Nachhaltigkeitszielen: „In drei Handlungsfeldern haben wir uns konkrete Nachhaltigkeitsziele gesetzt. Es geht um Menschen, um die Umwelt und unsere Geschäftsethik.“ (4)

In unseren folgenden Blogposts zur Nachhaltigkeit im Kalibergbau überprüfen wir anhand der täglichen Praxis des Unternehmens, welche Auswirkung diese Praxis auf die Umwelt und die Menschen entlang der Werra und der Weser hat. Die Frage nach der Geschäftsethik wird sich dann vermutlich von selbst beantworten.

Rückstandshalden und Betriebsanlagen der K+S AG im Werratal. Die Anlagen reichen bis nahe an den Fluss heran. Copyright jan wundah

Kaliabwässer vernichten Trinkwasservorkommen

Der Bürgermeister der K+S-Standortgemeinde Heringen im Werratal schreibt im Juni 2016 einen zornigen Brief an den Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübke:

„Sie schreiben tatsächlich, dass es keine Beeinträchtigung der Trinkwasserversorgung aufgrund der Salzwasserversenkung bei uns gebe. In Anbetracht der Tatsachen ist eine solche Antwort von einer Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde zu den Folgen der Versenkung von Kaliabwässern eine einzige zynische Verhöhnung der betroffenen Bürgerinnen und Bürger. (…) Bereits ab den 50er Jahren haben die Bürgermeister und Landräte heftig Klage über die negativen Folgen der Versenktätigkeit auf die hiesige Trinkwasserversorgung geführt. In aller Offenheit wird schriftlich von der zunehmenden Versalzung der Quellen, der daraus entstandenen Versorgungsnot und der damit einhergehenden drastischen Erhöhung der Wassergebühren geschrieben und geklagt. Diese große Not hat dazu geführt, einen Wasserbeschaffungsverband zu gründen, um das Wasser für die Bürger aus weit entfernten Gemarkungen heranschaffen zu können, was wiederum heftige Diskussionen bezüglich der Finanzierung und des damit einhergehenden Wasserpreises auslöste.“ (5)

Die Klage des Bürgermeisters ist, wissenschaftlich hinterlegt, berechtigt:

„Seit 1925 wird ein großer Teil der Kaliendlaugen unter Druck (bis 20 bar) über Schluck- oder Versenkbrunnen in den 300 bis 600 Meter tiefen Plattendolomit des Zechsteins verpresst. (…) …durch den hohen hydrostatischen Druck werden die Dolomitwässer und letztendlich auch die Kaliendlaugen gezwungen auszuweichen und an den Zerrüttungsstellen des Plattendolomits aufzusteigen. Mittlerweise ist die Salz-/Süßwassergrenze regional bereits bis in oberflächennahe Beeiche aufgestiegen, ein Vorgang, der als irreversibel anzusehen ist. So entstanden neue Salzquellen und großflächige Austrittsstellen von salzhaltigen Grundwasser. (…) Ob es sich bei den aufsteigenden Salzwässern um natürliche Solquellen oder um Kaliendlaugen handelt, lässt sich am Ca:Mg-Verhältnis feststellen“ schreibt Margit Kahlert schon 1993 (6).

Modell der Laugenversenkung in der Gerstunger Mulde

Die DDR-Betriebe hatten die Laugenverpressung bereits vor 1970 eingestellt, nachdem Trinkwasserbrunnen zu versalzen begannen. Die K+S AG, die als Betreiberin der Kaligrube immer noch Abfalllaugen in den Untergrund verpresst und Haldenlaugen versickern lässt, hat bis heute jede Verantwortung für die beschriebenen Schäden abgelehnt. Diese Schäden aber haben ein erhebliches Ausmaß:

„Im oberflächennahen Grundwasser (zwischen Widdershausen und Heringen, Anmerkung des Autors) zeigen sich zwei Bereiche hoher Belastung mit Chloridgehalten von über 40.000 mg/l und Magnesiumgehalten von über 2.000 mg/l. Einer dieser Bereiche befindet sich im Naturschutzgebiet „Rohrlache“ (im Bereich des Versenkgebiets Dankmarshausen, Anmerkung des Autors) in einiger Entfernung zur Werra. Der zweite Bereich extrem hoher Belastung erstreckt sich entlang der Werra. Bis in 300 Meter Entfernung von der Werra liegen die Werte dann zwischen 30.000 – 10.000 mg/l“. (7)

Die Salzbelastung des Grundwassers und der Flussaue ist nicht auf das Werrarevier begrenzt, sondern sie setzt sich bis Bremen fort: (8)

„Je nach örtlichen Verhältnissen ist ein bis zu 400 Meter breiter Streifen des Grundwasserkörpers beiderseits von Werra und Weser durch stark salzhaltiges Uferfiltrat beeinflusst. Daher muss weitgehend auf die Gewinnung des leicht erschließbaren Grundwassers in der Talaue verzichtet werden (…). Da in der norddeutschen Tiefebene das Grundwasser von Natur aus einen hohen Mangan- und Eisengehalt aufweist, kann es als Trinkwasser nur bedingt verwendet werden und man ist auf die Gewinnung von Flusswasser oder Uferfiltrat angewiesen. Die Stadt Bremen bezieht seit 1935 über Fernleitungen Wasser (…), anfangs aber nur, um das Weserwasser zu verdünnen. Seit 1982 verwendet Bremen kein Weserwasser mehr zur Trinkwassergewinnung. Der überhöhte Bromidgehalt im Weserwasser aufgrund der Kaliabwasserbelastung hatte bei der Chlorung des Mischwassers zur Bildung toxischen Bromoforms im Trinkwasser geführt.“

„Im Werragebiet musste als Ersatzmaßnahme vielerorts das Grundwasser im Festgestein der höheren Lagen unter großen Kosten erschlossen werden, wie dies auch in Witzenhausen schon vor 20 Jahren geschah.“

Auch für landwirtschaftliche und industrielle Zwecke eignet sich das Flusswasser nicht mehr:

„Das Wasser von Werra und Weser, sowie des vom Weserwasser gespeisten Mittellandkanals fällt aufgrund des hohen Salzgehaltes für die landwirtschaftliche Nutzung, wie für die Beregnung, vollständig aus.“

„Der hohe Salzgehalt verursacht (…) Korrosion und Ablagerungen an den Betriebseinrichtungen. Die Lebensdauer von Turbinen, Kondensatoren, Pumpen, Stahlwasserbauten und Betonkonstruktionen verringert sich stark (…). Im Wesergebiet allein sind daher nach einer Umfrage jährliche Wassergewinnungskapazitäten der Industrie von mindestens 1,0 Mio. cbm Oberflächenwasser und 1,9 Mio. cbm Grundwasser stillgelegt worden. (…) Auch die hessischen Kaliwerke sind davon betroffen und beziehen ihr Brauchwasser zum Teil aus Quellen. (Hervorhebungen durch den Autor)

Die EU-Trinkwasserrichtlinie

Die EU-Kommission erarbeitet eine Neufassung der Trinkwasserrichtlinie (9). Wie üblich (10), (11), (12), (13), versuchen Lobbyverbände und diverse Mitgliedsstaaten den Entwurf abzuschwächen. Nicht der Eintrag industrieller Abfälle in Trinkwasserhorizonte soll möglichst gering gehalten werden, vielmehr soll der „Schutz“ des Trinkwassers und der Bevölkerung die möglichen Verursacher möglichst wenig kosten. Das betrifft z.B. Blei, Umwelthormone und Mikroplastik im Trinkwasser. Bei diesen Bestrebungen ist die Bundesregierung ganz vorne dabei. In den einzelnen Bundesländern setzen die Genehmigungsbehörden diese Politik dann um.

Die deutschen Behörden sind einschlägig (un)tätig: Blei und andere Schwermetalle im salzbelasteten Grundwasser

„So schreibt die Kommission in ihrem Gesetzesvorschlag, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weise darauf hin, „dass Blei einer der wenigen Stoffe ist, von denen bekannt ist, dass sie sich über das Trinkwasser direkt auf die Gesundheit auswirken“. Die Konzentration solle daher so niedrig wie möglich gehalten werden. Die WHO ist mit dieser Einschätzung nicht allein. Das Umweltbundesamt warnt: „Blei ist auch in sehr niedrigen Aufnahmemengen gesundheitsgefährdend und kann bei Ungeborenen, Säuglingen und Kleinkindern das Nervensystem schädigen sowie die Blutbildung und die Intelligenzentwicklung beeinträchtigen.“ (…) Die EU-Kommission schlägt daher eine weitere Verschärfung der Grenzwerte vor. Die zulässige Bleikonzentration soll von heute maximal zehn Mikrogramm pro Liter auf fünf Mikrogramm pro Liter sinken. (…) Der deutschen Position haben sich seitdem mehrere Mitgliedsstaaten angeschlossen. Der Bleigehalt soll demnach auch künftig bei zehn Mikrogramm liegen dürfen.“ (9)

Nur durch eine Anordnung des Thüringer Landesverwaltungsamts wurde bekannt, dass im Grundwasser am Fuß der K+S-Rückstandshalde Hattorf deutlich über den Grenzwerten der Trinkwasserverordnung liegende Konzentrationen an Schwermetallen gemessen worden sind, „darunter Zink, Cadmium, Blei, Kupfer und Nickel. Der Geringfügigkeitsschwellenwert wurde dabei zum Teil um das Tausendfache überschritten“ (14). Der schwebende Grundwasserleiter strömt hier südöstlich in Richtung des Breizbachtals nach Thüringen. Die Entnahme von Grund- und Oberflächenwasser im Einflussbereich der K+S-Rückstandshalde wurde deshalb in Thüringen untersagt (15).

Das hesssische Umweltministerium war dagegen der Meinung, dass von der Schwermetallbelastung des Grundwassers in Hessen keine Gefahr ausgehe, weil „Das Grundwasser des sogenannten schwebenden Grundwasserleiters in Hessen nicht genutzt (werde)“ (16).

Diese Aussage ist an Zynismus kaum zu übertreffen. Natürlich kann dort kein Trinkwasser mehr gewonnen werden, wo dem Unternehmen gestattet ist, seine Abwässer versickern zu lassen. Der eigentliche Skandal ist, dass dort auch künftig keine Trinkwasservorräte mehr zur Verfügung stehen. Und: weil sich das belastete Grundwasser bewegt, kann es in bisher unbelasteten Regionen weitere Trinkwasservorkommen vernichten.

Das Problem ist seit 2011 bekannt …

„Nach uns die Sintflut – Trinkwasser, Blei, Umwelthormone, die EU-Kommission und die Abwässer der K+S AG“ weiterlesen

Der Kalimarkt verändert sich

Die weltweite Überproduktion an Kalidünger und die neu entdeckte Kaliressource in Thüringen – was wird aus K+S?

Aktualisiert 31.12.2019

von Walter Hölzel

In den Jahren 2007/2008 konnten die Erzeuger von Kalidüngemitteln stark steigende Kalipreise am Markt durchsetzen. Die Abnehmerländer reagierten mit Kaufboykotten bis hin zu Importstops und der Erschließung eigener Vorkommen. Die daraus folgende Überproduktion an Kalidünger führte ab 2015 zu einer Krise auf dem Kalimarkt. Immer wieder müssen Kaliproduzenten ihre Produktion drosseln und Umsatzeinbußen sowie schlechtere betriebswirtschaftliche Kennzahlen hinnehmen.

Auch in Thüringen, nicht sehr weit entfernt von den K+S-Kaligruben im Werratal, befinden sich noch unerschlossene Kalivorkommen. Die Davenport Resources Ltd. gibt bekannt, im Ohmgebirge einen Kalivorrat von 325 Mio. Tonnen mit einem Gehalt von 13,1 % K2O festgestellt zu haben. „Dieser Vorrat befindet sich in dem zu 100 % in Unternehmensbesitz befindlichen Bergwerkseigentum Ohmgebirge in der Südharz-Region„. Nach Unternehmensangaben können dort jährlich 1 Mio. Tonnen K2O produziert werden. Zum Vergleich: die Weltjahresproduktion beträgt etwa 40 Mio. Tonnen K2O.

Der Gesamtbestand der Ressource wird mit 5,3 Mrd. Tonnen mit einem durchschnittlichen K2O-Gehalt von 10,8 % angegeben. Sie ist damit die größte Kaliressource Westeuropas (1).

Das macht die Situation für den Kaliproduzenten K+S nicht besser. Zwar bietet sich für die K+S AG schon wegen der räunlichen Nähe eine Kooperation mit der Davenport Resources Ltd. zur Ausbeutung der Ressource an. Allerdings ist die K+S AG mit 4 Mrd. US$ bereits sehr hoch verschuldet. Allein 3 Mrd. € sind in dem bislang wenig glücklich scheinenden Engagement in Kanada gebunden.

Nach Unternehmensangaben soll nun „rasch Wert generiert werden, um die Verschuldung zu reduzieren“. Es geht es um die Kreditwürdigkeit: Eine Ratingagentur hat die Bonität des Unternehmens mit „BB-“ auf Ramschniveau herabgesetzt, wie finanzen.net mitteilt. Weiter:

„Im Schaufenster steht nun die Geschäftseinheit „America“, zu der die Akquisitionen von 2006 und 2009 gehören. Die Analysten der Privatbank M.M. Warburg schätzen den Wert der regionalen Einheit auf mehr als zwei Milliarden Euro. Zudem könnte K+S einen Minderheitseigner für das kanadische Kali- Werk suchen, das nach Unternehmensangaben mittlerweile fünf Milliarden Euro wert ist“

„Der Kurs hat seit Jahresanfang rund 30 Prozent eingebüßt, der Buchwert liegt etwa doppelt so hoch wie die Marktkapitalisierung. Das macht K+S zum Titel für spekulative Anleger.“ https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/euro-am-sonntag-aktien-check-k-s-aktie-kehrtwende-im-salzgeschaeft-8322344

Vielleicht wird das Unternehmen auch interessant für eine mehr oder weniger freundliche Übernahme.

Die finanzielle Lage des Unternehmens hat die K+S AG uns gegenüber auch als Grund dafür angegeben, nicht in moderne Aufbereitungsanlagen investieren zu können (2), (3). Wir halten es deshalb für zweifelhaft, dass die K+S AG als Kooperationspartner für die Ressource Ohmgebirge infrage kommen könnte.

Der Kalimarkt ändert sich. Künftig werden wohl nur diejenigen Produzenten am Markt bleiben, die kostengünstig produzieren können und die dabei wenig Schäden anrichten und Altlasten vermeiden. Kalidünger kann man auch ohne Umweltschäden bekommen.

Diese Chance wird man sich im Ohmgebirge kaum entgehen lassen. Die international tätige und erfolgreiche Salzspezialistin K-UTEC AG ist bereits mit im Boot. K+S hat es bisher abgelehnt, die K-UTEC-Vorschläge für eine abstoßfreie Produktion an der Werra umzusetzen.

Anmerkungen

(1) https://www.wallstreet-online.de/nachricht/12017120-dgap-news-davenport-resources-ltd-kalivorrat-325-mio-tonnen-beginn-machbarkeitsstudie-vorrat-ohmgebirge-325-mio-tonnen-13-1-k2o-deutsch

(2) https://salzblog.org/2019/11/25/klimaschutz-durch-werraschutz/

(3) https://salzblog.org/2019/12/02/auf-dem-silbertablett-serviert-die-ks-ag-lehnt-ein-angebot-der-general-electric-corp-ab/

Aktuell: Tote Rinder im Dankmarshäuser Rhäden – verhungert oder an Salzwasser gestorben?

Im Naturschutzgebiet „Wilde Weide“ in der Werraaue bei Dankmarshausen (Thüringen) sind verendete Heckrinder aus einer Herde aufgefunden worden, die dort aus Naturschutzgründen extensiv gehalten wird. Dem betreibenden Landwirt wird vorgeworfen, er habe die Tiere verhungern lassen. Die Herde sei zu stark angewachsen und die Nahrungsgrundlage auf der Weidefläche sei nicht mehr ausreichend (1), (2). Dem steht entgegen, dass ein starkes Anwachsen der Herde bei Nahrungsmangel kaum zu erwarten ist. Die dort ebenfalls extensiv gehaltene Herde Exmoore-Ponys ist offenbar nicht betroffen. Ungeprüft scheint zu sein, ob die Rinder durch zu Tage getretenes salzhaltiges Grundwasser zu Schaden gekommen sind.

von Walter Hölzel

Versenkbohrung der K+S AG Herda 11

Das Grundwasser des Kalireviers ist stark mit Salz belastet.

Es ist bekannt, dass das Grundwasser im Werrarevier stark mit Salz belastet ist. Als Gründe werden verpresste Abwässer der K+S AG sowie versickernde Haldenlaugen desselben Unternehmens genannt. 2008 bis 2016 waren versalzene Trinkwasserbrunnen der Gemeinde Gerstungen Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten (3).

Seit 1925 sind im Werrarevier mehr als eine Milliarde Kubikmeter Abwässer der Kali-Industrie in den Untergrund verpresst worden. Die Salzfracht dieser Abwässer beträgt 300 bis 350 Millionen Tonnen. Zusätzlich gelangen versickerte Haldenlaugen in den Untergrund, die auch zu einer Bleibelastung des Grundwassers geführt haben. In der Nähe einer K+S-Rückstandshalde haben Behörden in Thüringen 2016 deshalb die Entnahme von Grund- und Oberflächenwasser untersagt (4), (5), (6), (7), (8).

Die verpressten Abwässer haben im Zielhorizont, dem Plattendolomit, die dort natürlich vorhandenen Salzwässer verdrängt. Diese sind aufgestiegen und über die Grundwasser- und Trinkwasserstockwerke als „diffuse Einträge“ in die Werra gelangt. Nach einem Grundwassermonitoring geht man davon aus, dass sich nur noch ein Drittel der Abwässer im Plattendolomit befindet, der Rest versalzt das Grundwasser oder ist „nicht mehr nachweisbar“ (9).

Die Laugenverpressung ist „letzmalig“ bis Ende 2021 erlaubt worden; allerdings war die vorangegangene Erlaubnis auch schon „letztmalig“ und ist trotzdem von der hessischen Behörde verlängert worden.

Salzwasseraufstiegstellen unter Naturschutz

Die verpressten Abwässer stehen so unter Druck, dass sie an mehreren Stellen der Werraue zu Tage treten. 2012 sind bei Probebohrungen für einen Brückenbau zwischen Bad Salzungen und Barchfeld Salzwässer mit einem Überdruck von 0,4 bar aus den Bohrlöchern ausgetreten (10).

Salzwasser-Aufstiegstelle bei Berka/Werra (Winterbild)

In der Werraaue zwischen Dippach und Berka/Werra befindet sich in einem FFH-Gebiet eine „Salzwasseraufstiegstelle“, die inzwischen eine gewisse Medienberühmtheit erlangt hat. Auf ca. 2 Hektar ist dort die natürliche Flora vernichtet, stattdessen machen sich halophile Pflanzen breit, die man sonst nur von der Meeresküste kennt. Nach §12 Abs. 2 ThürNatG sind alle Handlungen verboten, die zu einer „Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung“ eines Naturschutzgebietes führen. Die Behörden sind allerdings nicht gegen den Verursacher vorgegangen, sondern haben ihrerseits die „Binnensalzstelle“ unter Naturschutz gestellt.

Abwässer als Schadensursache überprüfen

Gelegentlich wird fälschlich angenommen, die K+S-Abwässer seien nichts anderes als das Meerwasser, aus dem die Lagerstätte entstanden sei. Das trifft nicht zu. Durch den Verarbeitungsprozess hat sich die Zusammensetzung stark verändert. Die Abwässer unterscheiden sich insbesondere durch den hohen Gehalt an Magnesium und Kalium-Ionen von Meerwasser. Dies ist eine der Gründe dafür, dass eine Einleitung von K+S-Abwässern in die Nordsee („Nordseepipeline“) nicht genehmigungsfähig gewesen wäre (11).

Wie schon erwähnt, sind in der Abwasserfahne einer K+S-Rückstandshalde beträchtliche Schwermetallkonzentrationen gemessen worden; der Vorsorgewert für z.B. Blei ist wird dort um den Faktor 1000 überschritten. Auch die in den Abwässern enthaltenen Produktionshilfsstoffe, z.B. aus der ESTA-Anlage, könnten zum Schaden beigetragen haben. Dies sollte überprüft werden, bevor man einen Landwirt als Alleinschuldigen hinstellt.

Anmerkungen

(1) „Nabu-Beauftragter lässt Rinder in Naturschutzgebiet verhungern“ https://www.topagrar.com/panorama/news/nabu-beauftragter-landwirt-laesst-rinder-in-naturschutzgebiet-verhungern-11527337.html?fbclid=IwAR0zE0gvIsoAxVJjZaKoIUeeoJ4esHidvmhFVnWhitflYGVcVdMdvDKTJWc

(2) „Antworten des NABU zur Situation vor Ort“ https://thueringen.nabu.de/news/2019/26105.html

(3) U. Frank, A, Reitinger, „Verpressung von Salzabwasser der Kaliproduktion in saline Aquifere. Praktische Erfahrungen als Trinkwasserversorger mit der Untergrundspeicherung“, https://c.web.de/@309251227265269890/RJpRC878Sj2eVGwIXKS2hg

(4) Allgemeinverfügung des Thüringer Landesverwaltungsamts zur Einschränkung der Nutzung von Grundwasser in der Gemeinde Unterbreizbach, Wartburgkreis vom 22. Juli 2016

(5) Südthüringer Zeitung 09.09.2016

(6) Hessenschau vom 25.09.2016

7) https://rp-kassel.hessen.de/pressemitteilungen/hessisches-umweltministerium-und-regierungspr%C3%A4sidium-kassel-untersuchen-am-fu%C3%9Fe (inzwischen gelöscht)

(8) http://www.ardmediathek.de/tv/defacto/Giftige-Schwermetalle-im-Grundwasser-W/hr-fernsehen/Video?bcastId=3437388&documentId=37947064 (inzwischen gelöscht).

(9) Wenzel Mayer, HMULV, Abteilungsleiter Wasser und Boden, „Aktuelle Probleme der Versenkung von Salzabwässern in den Plattendolomit im hessischen Werra-Kali-Gebiet“, Folie 9: „Ein erheblicher Teil der versenkten Salzabwässer ist in den Buntsandstein übergetreten und teilweise auf diesem Weg auch als diffuser Eintrag in die Werra eingetragen worden. Bis zu 300 Mio. m³ Salzabwässer können im Buntsandstein eingelagert sein. Wo sich die Salzabwässer befinden ist unklar. Eine Beschränkung auf die Werra-Aue ist unwahrscheinlich.“ https://c.web.de/@309251227265269890/5Q1idwORSk205cjQXRi0fQ

(10) Südthüringer Zeitung vom 06.12.2012

(11) G. Gerdes, „Stellungnahme zum Antrag der Fraktion der CDU an den Landtag NRW, DRS 16/6135 vom 24.06.14: „Rohstoffgewinnung ist sinnvoller als der ‚Salzpipelinebau‘ zur Nordsee“, https://c.web.de/@309251227265269890/JR2Bm13RT2GekQY1i0inxA

Die Zauberlehrlinge aus Hessen oder: wie werde ich die Geister wieder los?

Wie aus einem alten Kalibergwerk zunächst eine „unbedeutende Abfallbeseitigungsanlage“ für Aschen und daraus mit zwei „wesentlichen“ Erweiterungen die weltweit größte Untertagedeponie für besonders überwachungsbedürftige Abfälle gezaubert worden ist – ohne Planfeststellung mit Öffentlichkeitsbeteiligung und ohne Umweltverträglichkeitsprüfung.

Ein Behördenstück in drei Zaubersprüchen

von Walter Hölzel

(…)
Walle! walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
in das Bergwerk sich ergieße.
(…)
Frei nach Goethes Zauberlehrling bzw. der Ballade
„Der Lügenfreund“ von Lukian von Samosata

I

Worum geht es? Um ein Zauberkunststück: Im hessischen Herfa-Neurode befindet sich die weltweit größte Untertagedeponie für „besonders überwachungsbedürftige Abfälle“. Der Betreiber wirbt europaweit für die Einlagerung von Abfällen, die wegen der Giftigkeit ihrer Inhaltsstoffe und/oder ihrer Reaktionsfähigkeit mit Wasser eine besondere Gefahr darstellen (1), (2), (3), (4), (5), (6), (7), (8).

Diese Untertagedeponie in Herfa-Neurode ist genehmigt worden, ohne dass ein Planfeststellungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung und Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt worden ist (9).

Wie konnte das geschehen? In einer Ausschusssitzung des Hessischen Landtags (10) ging es genau um diese Frage. Ein gewisser MinDirig Freund führte für die Landesregierung aus: ((10), S. 27):

„Entscheidend für die Genehmigung ist immer die Ausgangssituation zum Zeitpunkt der Antragstellung. Das fing in Herfa-Neurode ganz bescheiden an: 1972 ging es darum, 512 t Asche einzulagern. Das heißt, zum damaligen Zeitpunkt, bei der ersten Genehmigung, ging man davon aus, dass es eine unbedeutende Abfallbeseitigungsanlage ist. Deshalb hat man hier seinerzeit das Institut der Plangenehmigung genutzt.“

Die Genehmigungsbehörde bezog sich damals also auf §7Abs.(2) des Bundesabfallgesetzes vom 10.06.1972:

„(2) Anstelle eines Planfeststellungsverfahrens kann die zuständige Behörde für die Errichtung und den Betrieb unbedeutender Abfallbeseitigungsanlagen auf Antrag eine Genehmigung erteilen, wenn mit Einwendungen nicht zu rechnen ist.“

Die Behörden haben somit auf Antrag des Betreibers angenommen, dass hier eine unbedeutende Abfallbeseitigungsanlage eingerichtet werden sollte und dass keine Einwendungen gegen dieses Vorhaben zu erwarten seien.

Das war der erste Zauberspruch.

II

MinDir Freund führt weiter aus ((10), S. 27):

„Als es 1977 darum ging, diese Anlage auszubauen, war davon auszugehen, dass der Sachverhalt des § 7 Abs. 2 Bundesabfallbeseitigungsgesetz erfüllt war. Danach war seinerzeit eine Plangenehmigung zulässig, wenn eine Abfallbeseitigungsanlage wesentlich geändert wurde und mit Einwendungen nicht zu rechnen war. Das Oberbergamt hat damals festgestellt: Es gibt keine Einwendungen. – Deshalb wurde auch hier das Institut der Plangenehmigung gewählt.“

Und tatsächlich: das 1977 geltende Bundesabfallgesetz legt in §7 fest:

„(2) Die zuständige Behörde kann an Stelle eines Planfeststellungsverfahrens auf Antrag oder von Amts wegen ein Genehmigungsverfahren durchführen, wenn

  1. die Einrichtung und der Betrieb einer unbedeutenden Abfallentssorgungsanlage oder die wesentliche Änderung einer Abfallentsorgungsanlage oder ihres Betriebes beantragt wird oder
  2. mit Einwendungen nicht zu rechnen ist.

Auf die Formulierung „Errichtung und Betrieb einer unbedeutenden Abfallentsorgungsanlage“ konnte sich die Behörde damals allerdings nicht berufen, denn der oben zitierte §7 definiert die Begriffe folgendermaßen:

„(2) (…) Abfallentsorgungsanlagen, in denen Stoffe aus den in Haushaltungen anfallenden Abfällen oder aus gleichartigen Abfällen durch Sortieren für den Wirtschaftskreislauf zurückgewonnen werden, gelten als unbedeutende Anlagen; das gleiche gilt für Anlagen zur Kompostierung von Abfällen mit einer Durchsatzleistung von bis zu 0,75 Tonnen je Stunde.“

Eines ist klar: Kraftwerksaschen fallen weder in Haushalten an noch in Abfallsortierungsanlagen, sie werden auch nicht kompostiert; es handelt sich vielmehr um Industrieabfälle.Man kann deshalb auszuschließen, dass die 1972 beantragte Abfallbeseitigungsanlage für Kraftwerksaschen als „unbedeutende Abfallentsorgungsanlage“ ansehen durfte. Aber Hilfe war nahe, denn das Bundesabfallgesetz bot noch die Möglichkeit, bei wesentlichen Änderungen einer Abfallentsorgungsanlage“ auf ein aufwendiges Planfeststellungsverfahren zu verzichten. Hilfsweise konnte man noch unterstellen, dass mit Einwendungen gegen die „wesentliche Änderung“ nicht zu rechnen sei: „Das Oberbergamt hat damals festgestellt: Es gibt keine Einwendungen„. So geht das.

Das war der zweite Zauberspruch.

Damit war die Einlagerung von „besonders überwachungsbedürftigen Abfällen“ noch keineswegs gesichert, denn …

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Aktuell: Die K+S-Untertagedeponie Herfa-Neurode brennt schon wieder

In der Nacht zum 5. Dezember ist erneut ein Schwelbrand in der von der K+S AG betriebenen Untertagedeponie für besonders überwachungsbedürftige Abfälle in Herfa-Neurode ausgebrochen.

Symbolbild

von Walter Hölzel

Der Brand soll in einer Kammer ausgebrochen sein, in der Rauchgasrückstände eingelagert sind. Solche Stoffe können mit Wasser unter starker Hitzeentwicklung reagieren und dabei auch Wasserstoff bilden. Dieses Gas bildet mit Luft explosionsfähige Gemische. Die Rauchgasrückstände sind selbst nicht brennbar. Zu Bränden kann es nur kommen, wenn gleichzeitig Feuchtigkeit und brennbare Materialien mit eingebracht werden. Das könnten Paletten oder sonstige Abfälle sein.

Wassereinbrüche sind die größte Gefahr für Salzbergwerke mit eingelagerten chemotoxischen Stoffen. In der Schweiz dürfen Salzbergwerke deshalb zum Schutz der Bürger nicht in Abfalldeponien umgewandelt werden. Man geht dort davon aus, dass „jede Grube einmal absaufen wird“. Der Brand in der französischen Untertagedeponie Stockamine hat dazu geführt, dass auch umliegende Salzbergwerke geschlossen werden mussten. Der Eintrag von hochgiftigen Stoffen mit den Rauchgasen hat sie unbetretbar gemacht.

Schon im Dezember 2016 ist in der Untertagedeponie Herfa-Neurode ein Brand ausgebrochen, der erst im Januar 2017 als „gelöscht“ gemeldet worden ist. Es kann deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass es in diesem Grubenteil zu Wassereinbrüchen gekommen ist oder dass bei der Einlagerung der Rauchgasrückstände nicht mit der erforderlichen Sorgfalt vorgegangen worden ist.

Von der Untertagedeponie Herfa-Neurode gibt es durchgängige Verbindungen zu der Grube Springen II in Thüringen. Dieses Bergwerk musste geschlossen werden, weil dort Grundwasser eindringt. Dort hat K+S 2007 Abwässer der Salzhalde in Neuhof-Ellers „temporär“ eingelagert, die nach unseren Informationen bisher nicht wieder entfernt worden sind.

In Springen II sollen ab 2022 Produktionsabwässer der K+S AG eingestapelt werden. Damit könnte es das Unternehmen vermeiden, seine Abwässer aufzuarbeiten, und sie so der Biosphäre fernzuhalten.

Die Genehmigungsbehörde geht davon aus, dass in Katastrophenfall die Verbindung zu der Untertagedeponie rechtzeitig abgedichtet werden kann.

In unserem nächsten Blogpost werden wir uns mit der Frage beschäftigen, wie es gelingen konnte, die weltweit größte Untertagedeponie für besonders überwachungsbedürftige Abfälle in Herfa-Neurode ohne Planfeststellungsverfahren und ohne Umweltverträglichkeitsprüfung zu errichten.

Schwelbrand in Untertage-Deponie Herfa-Neurode 05.12.19 https://www.hna.de/lokales/rotenburg-bebra/heringen-ort56535/schwelbrand-in-untertage-deponie-herfa-neurode-13272947.html

Schwelbrand gelöscht: RP Kassel beschlagnahmt Giftmüll-Kammer 17.01.17 https://www.hersfelder-zeitung.de/lokales/philippsthal-heringen/heringen-ort56535/beschlagnahmt-giftmuell-kammer-berg-7300151.html

Auf dem Silbertablett serviert – Die K+S AG lehnt ein Angebot der Stadtwerke Union Nordhessen und der General Electric Company ab

Hundert Jahre Werraversalzung und hundert Jahre Kaliforschung – Warum sich die Qualität der versalzenen Gewässer trotzdem nicht verbessert hat Teil IV.

von Walter Hölzel

Die K+S AG baut im Werra-Fuldarevier kaliumhaltige Salze ab und gewinnt daraus Kalidünger. Dreiviertel der geförderten Rohsalze werden als Abfälle an die Umwelt abgestoßen. Das hat zu einer großflächigen Versalzung des Grund- und Trinkwassers geführt sowie die Süßwasser-Lebensgemeinschaft in der Werra vernichtet und in der Weser schwer geschädigt. Von der Einleitstelle bis Bremen können die Anrainerkommunen kein Trinkwasser aus dem Uferfiltrat der Flüsse gewinnen.

Dieser Umweltkonflikt hat seinerseits einem Konflikt mit europäischen Richtlinien verursacht, welche die Anrainer vor der rücksichtslosen Inanspruchnahme der Gewässer z.B. als Abwasserrinnen schützen sollen. Wenn keine Lösungen gefunden und angewandet werden, mit denen sich die Richtlinien einhalten lassen, dann steht auch immer die Schließung der verschmutzenden Betriebe im Raum.

Die K+S AG lehnt es ab, in wirkungsvolle Technologien zu investieren

Wie wir wissen, hat die K-UTEC AG mehrere Verfahren für den Kalihersteller K+S entwickelt, mit denen sich die Umwelt- und Rechtskonflikte des Unternehmens vermeiden und eine zukunftsfähige Kali-Industrie im Werrarevier etablieren ließe. Wie wir weiter wissen, hat die K+S AG alle Vorschläge abgelehnt (1), (2).

Vom technisch-wirtschaftlichen Standpunkt ist die Ablehnung schwer verständlich. Die von K-UTEC entwickelte Aufbereitungsanlage könnte aus einem einzigen Jahresgewinn bezahlt werden und würde in der Folge den Jahresgewinn um 15 bis 20% steigern sowie alle Entsorgungsprobleme der K+S AG lösen. Die Energieeffizienz würde sich ebenso verbessern wie die Nachhaltigkeit der Produktion durch Gewinnung von Wertstoffen aus den Abwässern.

Aber ganz so einfach ist es leider doch nicht. Die K+S AG macht zwar hohe Gewinne, ist aber gleichzeitig mit rund 4 Mrd. US$ hoch verschuldet, größtenteils wegen des neuen Betriebs in Kanada.

Schon die bloße Nachricht, dass K+S eine große Aufbereitungsanlage zum Schutz der Gewässer baut, könnte eine hysterische Börse verunsichern und zu einem Kurssturz der ohnehin schwachen Aktie (3) führen. Damit wäre der Konzern ein idealer Kandidat für eine feindliche Übernahme. Der neue Besitzer würde zwar kaum auf die Spezialitäten aus dem Werrarevier verzichten wollen, eine Schließung der Betriebe wäre deshalb nicht zu befürchten. Allerdings müssten wohl große Teile des jetzigen Managements mit ihrer Entlassung rechnen. Dies könnte – neben einem drohenden Gesichtsverlust – einer der Gründe sein, warum sich das Management des Unternehmens allen Vorschlägen konsequent verschließt. Der Bau einer großen Aufbereitungsanlage wäre für die K+S AG also eine Herausforderung. Es musste deshalb nach Wegen gesucht werden, die Werke der K+S AG auf den Stand der Technik zu bringen, ohne dem Unternehmen wegen weiter zunehmender Verschuldung zusätzliche Schwierigkeiten zu bereiten. Nach einem solchen Weg hat auch die Stadtwerke Union Nordhessen gesucht.

SUN hat eine Idee

Die Stadtwerke Union Nordhessen (SUN) ist ein regionaler Energieversorger, der Wind- und Solarkraftwerke betreibt. Die SUN stand vor dem Problem, „Energiesenken“ für seine tregionale Strom-Überproduktion finden zu müssen. Gesucht waren deshalb (regionale) Stromabnehmer für diejenigen Zeiten, in denen zwar der Wind weht und die Sonne scheint, der erzeugte Strom aber wegen Überproduktion nicht oder nur mit Negativpreisen an der Strombörse abgesetzt werden kann (4, Folien 1 bis 9).

Ein Ingenieur der SUN hatte nun folgende Idee: könnte man die Überschussenergie nutzen, um mit Hilfe der K-UTEC-Vorschläge die Entsorgungsprobleme der K+S AG zu lösen? Eine erste Überschlagsrechnung ergab, dass die Überschüsse der SUN dazu ausreichen würden (4, Folien 10 bis 36).

Allerdings hatte K+S bekanntlich keinerlei Neigung gezeigt, eine Aufbereitungsanlage für die eigenen Abwässer zu bauen. Die Stadtwerke Union hielt es deshalb für besser, einen Investor für das Projekt zu interessieren, der die Anlagen bauen und die Aufbereitung der Abwässer als Dienstleistung anbieten konnte. Die K+S AG hätte dann nur noch die Aufgabe, die gewonnenen Wertstoffe zu vermarkten und die verbleibenden Reststoffe durch Versatz zu beseitigen (5).

Die Vorteile einer solchen Konstruktion für K+S liegen auf der Hand. Das Unternehmen müsste nicht 550 Mio. Euro investieren und damit die Börse beunruhigen, es könnte vielmehr mit den Wertstoffverkäufen und den Entsorgungskosten langfristig und sicher kalkulieren. Allerdings wären dann auch die zu erzielenden Gewinne geringer.

Die SUN hatte sich damals an die General Electric Comp. (GE) gewandt, die als globales Technologie-, Service- und Finanzunternehmen mit mehr als 300.000 Mitarbeitern über ausreichende Erfahrung und Wirtschaftskraft verfügt.

Ein kompetentes Konsortium

Wir hatten der Stadtwerke Union damals empfohlen, als weitere Experten die Ingenieure der K-UTEC AG und den Aachener Hochschullehrer Prof. Quicker mit ins Boot zu holen. Prof. Quicker hatte bereits das Energiekonzept der K-UTEC-Vorschläge begutachtet.

In dieser Zusammensetzung hat es Im Frühjahr 2014 mehrere Sitzungen gegeben. Die Mitarbeiter der General Electric Co. hatten keine Schwierigkeiten bei der Umsetzung einer Aufbereitungsanlage für K+S-Abwässer gesehen (7). Man habe bereits ausreichende Erfahrungen bei Entwicklung, Bau und Betrieb von Vakuumkristallisationsanlagen zur Wasserentsalzung.

K+S lehnt wieder ein Angebot ab

Die Partner haben sich auf eine der von K-UTEC vorgeschlagenen Aufbereitungsvarianten geeinigt und sind für die Detailplanung arbeitsteilig vorgegangen. Die Stadtwerke Union und Prof. Quicker haben die Detailplanung für die Dampferzeugung und die Energieströme übernommen. K-UTEC und GE haben das Konzept für die Entsalzung weiter ausgearbeitet sowie die Vollkosten für Investition, Betrieb (Personal, Wartung) und Verbrauchskosten (Hilfsstoffe und Energie) validiert.

Die Anlage würde ca. 300 neue Arbeitsplätze schaffen. Als Standort wurde eine Industriebrache der ehemaligen Kaligrube in Merkers vorgeschlagen, man hat aber auch dezentrale Lösungen in Betracht gezogen.

Auf der Basis der Beratungen hat die Stadtwerke Union Nordhessen Ende Mai 2014 der K+S AG ein Dienstleistungsangebot gemacht. K+S hat auch diesen Vorschlag abgelehnt.

Im (vorläufig?) letzten Teil der Reihe über die Ergebnislosigkeit der Kaliforschung im Werrarevier werden wir uns mit der Frage beschäftigen, wie sich K+S selbst die Lösung der eigenen Probleme vorgestellt hat. Besuchen Sie uns wieder.

Anhang

(1) Hundert Jahre Werraversalzung und hundert Jahre Kaliforschung – warum sich die Qualität der betroffenen Gewässer trotzdem nicht verbessert hat https://salzblog.org/2019/11/04/rueckbau-der-halden-und-aufarbeitung-der-haldenlaugen/

(2) Eine praktikable Lösung für die Entsorgungsprobleme des Kaliherstellers K+S war wohl nicht erwünscht https://salzblog.org/2019/11/14/die-probleme-des-kaliherstellers-ks-ungewuenscht-geloest/

(3) Die Ablehnung einer freundlichen Übernahme durch den kanadischen Konkurrenten Potash Corp. hatte 2015 den Börsenwert des Konzerns halbiert. Davon hat sich K+S bis heute nicht erholt.

(4) SUN, Energiewende Nordhessen, https://c.web.de/@309251227265269890/FAwoKuDXTgWCepP3qL0rxg

(5) https://c.web.de/@309251227265269890/L5MtKv9nQbSu_WkpSX_43A

(6) Siegenthaler et al., GE Power&Water, „Potash Evaporator and Crystallizer“, https://c.web.de/@309251227265269890/ysqDVAq3ROqfr4ggqacGeA

(Kein) Klimaschutz in der industriellen Produktion am Beispiel der Herstellung von Kalidünger – Ein Beitrag zur Klimastreikwoche der Universität Kassel

Hundert Jahre Werraversalzung und hundert Jahre Kaliforschung – warum sich die Qualität der versalzenen Gewässer trotzdem nicht verbessert, Teil III

Wenn es um die Werraversalzung geht, dann betrachtet man übli­cherweise nur diejenigen Aspekte, mit denen die geschädigten An­rainer ihre Interessen vor Gericht geltend machen können. Das sind z.B. die Vernichtung der Süßwasser-Lebensgemeinschaft in der Wer­ra, die Vernichtung von Trinkwasservorkommen und die Alt­lasten der Rückstandshalden sowie der in den Untergrund ver­pressten Abwässer. Energieverbrauch und Klimaschutz sind bislang nicht thematisiert worden. Moderne Technik kann inzwischen den Energiever­brauch senken, Umweltschäden vermeiden und die Nachhaltigkeit verbessern – man muss sie nur anwenden.

von Walter Hölzel

Zusammenfassung – Potentiale zum Klimaschutz liegen brach

Die K-UTEC AG, ein international tätiger Salz- und Bergwerksspezialist, hatte drei Verfahrenskombina­tione­n für eine ab­stoßfreie Kali­produktion der K+S-Werke im Werrare­vier entwickelt und diese 2014 vorgeschlagen. Ihre technische und wirtschaftliche Mach­barkeit hat das Umwelt­bundesamt bestätigt. Die abstoßfreie Kaliproduktion kann CO2-neutral geführt werden. Die Stadt­werke-Union-Nordhessen (SUN) und der nord­ame­ri­kanische Konzern General Electric Company (GE) ha­tten der K+S AG angeboten, die Ab­wässer des Kaliherstellers in Dienst­leis­tung aufzu­arbeiten. Dazu sollten die Verfahren der K-UTEC AG einge­s­etzt und Überschussenergie aus Wind- und Son­nenenergie­anlagen genutzt werden. Die K+S AG hat bis heute alle Vorschläge abgelehnt. Stattdessen will das Unter­nehmen das Ablagern von Salz­rückständen sowie die Verklappung und das Versickernlassen von Abwäs­sern fortsetzen. Hier liegen erhebliche Potentiale zum Klimaschutz brach.

Die Situation

Nur etwa 20% der im Werrarevier abgebauten Rohsalze werden von dem Kalihersteller K+S als Wertstoffe genutzt, 80% werden in Form von flüssigen und festen Salzabfällen an die Umwelt abgestoßen. Sie enthalten überwiegend Natriumchlorid, aber auch Chloride und Sulfate des Kaliums und Magnesiums sowie Bromide. Weiterhin sind Produktionshilfsstoffe wie Tenside und andere polare organische Verbindungen sowie Schwermetalle enthalten.

Durch die Stilllegung der thüringischen Kalibetriebe wurde der Salzeintrag in die Werra deutlich vermindert. Das hat aber nicht ausgereicht, die ökologische und chemische Qualität der Werra zu verbessern, weil gleichzeitig der Grenzwert für Magnesium erhöht worden ist. Die Werra ist deshalb immer noch in die schlechteste Qualitätsstufe der europäischen Wasserrahmenrichtlinie eingestuft. Im Fluss ist die Süßwasser-Biozönose vernichtet, versickernde Haldenlaugen haben zu einem Eintrag von Schwermetallen in das Grundwasser geführt. Der Vorsorgwert für Blei im Grundwasser ist stellenweise um den Faktor 1000 überschritten. In den Untergrund verpresste Abwässer haben großflächig das Grundwasser versalzen und Trinkwasservorkommen vernichtet.

Alle Entsorgungswege der K+S AG führen in die Werra

Die K+S AG entledigt sich ihrer Salzabfälle auf vier Wegen:

  • Feste Abfälle werden auf Rückstandshalden abgelagert. Diese Halden sollen nach den Vorstellungen des Unternehmens nicht zurückgebaut, sondern noch beträchtlich erweitert und der Nachwelt als Altlast hinterlassen werden. Auf den Halden entstehen durch Abregnen Abwässer („Haldenlaugen“), die vollständig in die Werra geleitet werden. An der Haldenoberfläche reagieren die enthaltenen organischen Produktionshilfsstoffe bei Sonneneinstrahlung mit Bromidradikalen zu bromorganischen Verbindungen wie Bromphenolen. Auch diese Stoffe gelangen mit dem Abwasser in die Werra.
  • Da die Halden nur zur Hälfte eine Basisabdeckung haben, versickert ein Teil der Haldenlaugen in den Untergrund und gelangt in das Grundwasser. Die Möglichkeit einer Haldenabdeckung zur Verminderung der Haldenlaugen hat der Betreiber zwar in Aussicht gestellt, ohne aber Standfestigkeit, Wirksamkeit und wirtschaftliche Machbarkeit nachzuweisen. Dies ist weltweit ohnehin noch nie gelungen (1). Die Halden sollen noch beträchtlich erweitert werden, deshalb wird auch die Menge der Haldenlaugen proportional zunehmen.
  • Ein Teil der Produktionsabwässer wird in den Untergrund verpresst. In der Folge steigen verdrängte natürliche Salzwässer und auch die verpressten Abwässer in die höher gelegenen Grundwasserstockwerke auf und vernichten Trinkwasservorkommen. Insgesamt sind im Werrarevier mehr als eine Milliarde Kubikmeter Abwässer in den Untergrund verpresst worden; sie verbreiten sich unkontrollierbar mit den Grundwasserströmen und gelangen auch als „diffuse Einträge“ in die Werra.
  • Der Rest der Produktionsabwässer, ca. 5 Mio. cbm/Jahr, gelangt nicht auf Umwegen in die Werra, sondern wird direkt in den Fluss geleitet.

Die jetzigen Entsorgungsverfahren sind ineffizient. Sie verschwenden Rohstoffe und vergeuden Energie.

AbfallartMenge/Jahrjährlich an die Umwelt abgestoßene Salze
feste Rückständeca. 16 Mio. Tonnen
Produktionsabwässerca. 4,9 Mio. cbmca. 1,7 Mio. Tonnen
Haldenlaugen ca. 1,9 Mio cbm ca. 0,6 Mio. Tonnen
gesamtca. 6,8 Mio. cbmca. 18 Mio. Tonnen

Tabelle 1: anfallende und an die Umwelt abgestoßene Salzabfälle der K+S AG

Herkunft der SalzabwässerMenge in Mio. cbm/Jahr
Produktion Hattorf3,0
Produktion Wintershall1,9
Halde Hattorf0,7
Halde Wintershall0,5
Halde Neuhof-Ellers0,7
gesamt6,8

Tabelle 2: jährlich anfallende Abwassermengen (2), Folie 3

Neben den beschriebenen ökologischen Folgen der K+S-Entsorgungspraktiken sind weitere schwere Mängel der Verfahren festzustellen:

  • Keines der Entsorgungsverfahren ist geeignet, die Salzabwässer dauerhaft aus der Biosphäre zu entfernen. Auch die in den Untergrund verpressten Produktionsabwässer und die versickerten Haldenlaugen landen letzten Endes in der Werra. Die direkt wahrnehmbaren Folgen werden durch Aufhaldung unf Verpressung lediglich zeitlich verschoben, dafür aber zusätzlich das Grundwasser und die Trinkwasservorräte negativ beeinflusst. Wegen der bekannten Dynamik der Fließgewässer könnte die Werra noch saniert werden, wenn die Salzeinleitung beendet wird. Das versalzene Grundwasser ist jedoch nicht sanierbar.
  • Wegen unzureichender Aufbereitungsverfahren vernichtet das Unternehmen mit den abgestoßenen Abwässern jährlich 1,1 Mio. Tonnen an Wertstoffen. Um diesen Verlust auszugleichen, müssten weitere 7,5 Mio. Tonnen Rohsalze abgebaut, gefördert und unter hohem Energieaufwand aufbereitet werden. Dabei entstünden erneut 1,9 Mio. Tonnen Abfälle/Jahr, die behandelt werden müssten. Das Verfahren ist somit hochgradig ineffizient, sowohl im Hinblick auf Wertstoffverluste als auch in Bezug auf den Energieeinsatz und die ökologische Sinnhaftigkeit.

Alle Verfahren für eine abstoßfreie und CO2-neutrale Produktion stehen bereit, werden aber nicht angewendet

Mit den K+S-Aufbereitungsverfahren können nur ca. 20% der in den Rohsalzen enthaltenen Stoffe verwertet werden. Wenn man auf die Gewinnung von hochreinem Natriumchlorid verzichtet, dann verbleiben also 80% an Rückständen. Es ist aber nicht nötig. sie an die Umwelt abzustoßen, denn geeignete Verfahren für eine abstoßfreie Produktion sind bereits Stand der Technik und sie können klimaneutral ausgeführt werden:

  • Die K-UTEC AG hat 2008 vorgeschlagen, physikalische Trennverfahren künftig schon untertage zu betreiben und die verbleibenden Restsalze sofort in untertägige Hohlräume zu versetzen (3). Damit könnten die Unter­nehmen den Aufwand für die Förderung der Rohsalze und die Ewigkeitslast der Rückstandshalden vermeiden und den Ener­gieverbrauch senken. Im Falle der K+S AG wäre dies die Anlage zur elektrostatischen Abscheidung (ES­TA-Anlage), die untertage er­richtet werden müsste. Tatsächlich hat K+S nach 2008 eine neue ESTA-Anlage ge­baut, den Vorschlag der K-UTEC AG allerdings nicht aufgegriffen. Die zunehmende Menge an Rück­standssalzen und die dadurch bedingte Zunahme der Hal­denlaugen verstellen schon jetzt die Entsorgungsw­ege. Nach unserer Einschätzung ist die Entscheidung für die Fortsetzung des versatzlosen Bergbaus eine Fehlinvestition. Auch die bestehenden Rückstandshalden sind kein unabänderliches Schicksal für das Unternehmen. Sie können durch Rückbau und Versatz in untertägige Hohlräume beseitigt werden (3).
  • 2014 hat die K-UTEC AG auch ein Verfahren für die Aufarbeitung der K+S-Abwässer erarbeitet. Es ermöglicht eine abstoßfreie Produktion und gewinnt jährlich 1.1 Mio. Tonnen an Wertstoffen (2).
  • Die Stadtwerke Union Nordhessen (SUN) und der amerikanische Konzern General Electric Co. (GE) haben 2014 der K+S AG vorgeschlagen, die fraglichen Abwässer in Dienstleistung aufzuarbeiten und dazu die von K-UTEC AG entwickelte Anlage zu bauen. Dazu sollte Überschussenergie aus Wind- und Photovoltaikanlagen verwendet werden, die von der SUN betrieben werden. Damit wären die Anlagen zur Aufarbeitung der Abwässer auch CO2-neutral.

Kaliumsulfat statt Umweltschäden und Klimawandel…

„(Kein) Klimaschutz in der industriellen Produktion am Beispiel der Herstellung von Kalidünger – Ein Beitrag zur Klimastreikwoche der Universität Kassel“ weiterlesen

Die Werra trägt Schwarz

Die hessische Umweltministerin lobt sich selbst und das Wasserforum der Hessischen Landesregierung (am 20.11.2019 in Kassel) ignoriert die Umweltkatastrophe in Werra und Weser.

Das Problem der Kali-Rückstandshalden, Teil VI

von Walter Hölzel

Im salzbelasteten Teil der Werra haben die Abwässer der Kali-Industrie die Süßwasser-Lebensgemeinschaft vernichtet. Der Fluss ist ab der Einleitstelle in die schlechteste Qualitätsstufe der EU-Wasserrahmenrichtlinie eingestuft. Das Gleiche gilt für das Grundwasser im Einflussbereich der Laugenverpressung und der versickernden Haldenlaugen. Wir verdanken es auch der hessischen Umweltministerin Priska Hinz (B’90/Die Grünen), dass sich daran nichts ändern soll.

Die Salzwässer sind nicht die einzige Belastung des Flusses, aber die ökologische Katastrophe in Werra und Weser wird ausschließlich durch die Abwässer des Kaliherstellers K+S verursacht. Trotzdem wäre es falsch, das Unternehmen als allein schuldig hinzustellen. Natürlich nehmen die Unternehmen alle Vorteile mit, die sie bekommen können – solange man ihnen kein sozialeres Verhalten abverlangt.

Hauptschuldig an der Werraversalzung sind vielmehr die Landesregierungen in Thüringen und Hessen. Die Neuordnung der Kali-Industrie („Kali-Fusion“, (1), (2)) nach der Wiedervereinigung hätte die Gelegenheit geboten, Werra und Weser zu sanieren und ihre Anrainer vor den Entsorgungspraktiken der K+S AG zu schützen. Die technischen Voraussetzungen sind gegeben (3) und Jahresgewinne von mehr als 500 Mio. Euro – selbst in Krisenjahren (4) – machen es möglich, diese Technologien auch anzuwenden. Aber es fehlte der politische Wille und wohl auch die politische Kraft für eine Umweltpolitik, die diesen Namen verdient.

Im Bundesland Hessen würde wohl keine Partei einen Koalitionspartner finden, wenn sie sich für den Werraschutz einsetzte. Es ist deshalb durchaus nachvollziehbar, wenn sich B’90/Die Grünen wegen der Regierungsbeteiligung gegen den Gewässerschutz entschieden haben. Es entlarvt aber die politische Unglaubwürdigkeit einer Partei, die vorgibt, „mit Liebe für die Umwelt“ zu kämpfen (5). Wenn es um die Wurst geht…. (6)

Besonders entlarvend ist es, wenn die bündnisgrüne Umweltministerin im Hinblick auf die Werraversalzung die Desinformation und das Greenwashing der Vorgängerregierungen ungehemmt fortsetzt.

Kein Umweltminister scheint sich dem Willen der Kali-Industrie so tief gebeugt und die Interessen der Anrainer so weitgehend verraten zu haben wie die bündnisgrüne Priska Hinz. In den Koalitionsverhandlungen hatte ihre Partei noch Werraschutz vorgetäuscht: „Die Koalition verfolgt das Ziel, die Belas­tung des Grund­wassers und des Oberflä­chenwassers im Naturraum Wer­ra-Weser durch Salzabwässer dauerhaft zu been­den.“ (Koalitionsvertrag 2014). Gerade wegen der Gewässerpolitik der Ministerin ist mit einer „dauerhaften Beendigung der Belastung“ in den nächsten 2000 Jahren nicht zu rechnen. Das Gegenteil ist zu erwarten, die Werra wird dauerhaft belastet bleiben.

In demselben Jahr 2014 hatte Priska Hinz nämlich mit ihrem „Vierphasenplan“ der K+S AG zugestanden, weiterhin Abwässer in den Untergrund zu verpressen und in die Werra zu leiten sowie die Rückstandshalden erweitern zu dürfen. Und 2015/2016 hat sie bei derAufstellung des Bewirtschaftungsplans 2015-2021 für Werra und Weser weitere vier bündnisgrüne Umweltminister aus den Anrainerländern Thüringen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bremen auf diese Linie verpflichtet.

Seitdem wird Gewässerschutz in der Flussgebietseinheit Weser ersetzt durch Desinformation und Greenwashing (7), (8). Das „Wasserforum“ der Landesregierung in Kassel ist dafür ein weiteres Beispiel.

In der Werra werden die Vorgaben der EU-WRRL nicht umgesetzt …

„Die Werra trägt Schwarz“ weiterlesen